Anfang und Ende (I)

25 Aug

Mutter steht in der Küche am Backofen und klappt die Ofentür auf. Ihr Sohn steht daneben und blickt gespannt auf das Ergebnis der mütterlichen Koch- und Backkünste. Wir sehen einen Kuchen, der wie ein Hühnchenkuchen aussieht.

Sohn
Was ist das denn?

Mutter
Das ist ein Hühnchenkuchen, mein Sohn!

Sohn
Hä?

Der Sohn schaut ob der irritierenden Antwort irritiert; beschließt jedoch sich weiterhin konsequent mit Wissen zu betanken.

Sohn
Und das?

Mutter
Das ist ein Käsebraten.

Sohn
Mutter, warum kochest und backest Du solch’ absonderliches Zeug?

Mutter
(aus den Tiefen der Speisekammer)
Zeus? Dein Vater?

Sohn
Nein, ZEUG! Nicht mein Vater!

Mutter
(abermals aus den Tiefen der Speisekammer)
Und? Worum geht es jetzt?

Sohn
Ich möchte von Dir wissen, warum Du so seltsame Sachen zubereitest. Ich habe es in der Schule eh schon schwer genug, weißt Du? Da könnte ich ein bißchen emotionale Planungssicherheit gut gebrauchen!

Mutter
(wieder hinterm Herd)
Das verstehe ja einerseits wer will; andererseits ich ganz gut, aber Dir diese Frage wahrheitsgemäß zu beantworten, hieße, Dir den Sinn des Lebens erklären zu können!

Sohn
Und das kannst Du nicht?

Mutter
Jenachdem…

Sohn
Aber eigentlich brauchst Du das auch nicht zu können, denn wir hatten das Thema heute in der Schule!

Mutter
Und?

Sohn
(zuckt mit den Achseln)

Mutter
Weißt Du, die meisten Lehrkräfte werden mit der Zeit sonderbar. Das war schon zu meiner Zeit so. Da kann man nichts machen.

Schnitt zum französischen Spezial-Philosophen Jean-Jacques Rousseau, dem – genüßlich im Liegestuhl liegend – ein sabberndes Nilkrokodil die Fußsohlen abschlabbert.

Jean-Jacques Rousseau
Guten Tag, meine sehr verehrten Damen und Herren. Ich heiße Jean-Jacques Rousseau und habe mir zu meinen Lebzeiten ziemlich intensiv den Kopf darüber zerbrochen, ob der Mensch allein, salopp gesagt, durch seine genetische Zusammensetzung; oder dann doch mehr durch seine ihn umgebende Umwelt charakterlich geprägt wird. Es versteht sich beinahe von selbst, daß ich beim Nachdenken ziemlich viel Ruhe benötigte und deshalb dafür Sorge trug, daß meine von mir höchstpersönlich gezeugten 12 unehelichen Kinder – oder waren es 13? Oder gar 14? – sämtlichst im Waisenhaus aufwachsen mußten, denn schließlich bin bzw. war ja auch ich ein Kind&Opfer meiner Zeit und mich zugleich umgebenden Umwelt, und kann deshalb für mein Verhalten nur bedingt, oder, weil ich mir ja schon seit geraumer Zeit die Radieschen von unten betrachte, gar nicht mehr zur Rechenschaft gezogen werden; und sofern ich es mir genau überlege…

Das Nilkrokodil beißt ihm kommentarlos einen Fuß ab.
Schnitt zurück zu:

Mutter
Hast Du Schularbeiten auf?

Sohn
Wie ich bereits kürzlich versuchte, Dir
schonend und möglichst in einem
übergeordneten Zusammenhang
eingefaßt beizubringen, daß ich
derzeit lehrerlos vor mich hin
vagabundierend, jeglicher
Lebensvision beraubt, einem
herrenlos havarierendem Schiff
auf offener See in nichts
nachstehend…

Mutter
Oh Gott, das hat man nun von
seiner Gutmütigkeit…

Sohn
Gott” ist ein ganz interessantes Thema, denn: Wo steckt eigentlich mein Erzeusser zur Zeit?

Mutter (scharf)
…also nicht?

Sohn
Ähm, nein!

Mutter
Siehste, da hastes!

Schnitt zu Goethe, der sterbend die letzten Momente seines irdischen Daseins in seinem Ohrensessel verbringt; seine berühmten letzten Worte „Mehr Licht“ stammelt.

Schnitt zurück zu:

Mutter
Aberhallo!

Sohn
Was macht eigentlich so ein Hühnchen,
wenn es mal keine Eier legen darf?

Mutter
Hühner dürfen immer Eier legen.
Immer! Verstehst Du? Immer!

Sohn
So meine ich das ja auch nicht. Aber angenommen, ein Hühnchen wird von dem erregenden Gedanken beherrscht, mit einem mehrwöchigen Eierlegeverbot belegt zu werden?

Mutter
Ja und?

Sohn
Was passiert dann mit den Eiern?

Mutter
Ach so, die werden dann liebevoll auf Parteitagen an Politiker verteilt, die sich auf besondere Weise um das Allgemeinwohl verdient gemacht haben.

Sohn
Praktisch!

Mutter
Klar!

Sohn
Wie klar?

Mutter
Glasklar!

Schnitt mitten in einen Werbespot für den Glasreiniger GLASLIFT mit Sprühsystemverschluß. Blick durch eine glasklare Scheibe. Man sieht eine riesige Müllkippe, auf der die Szenerie in realiter spielt. Die letzte Wischbewegung einer putzenden Hand ist noch zu vernehmen.

Dazu die Stimme aus dem OFF:
Sehen Sie! Staunen Sie!
Denn nun sehen Sie wieder wie glasklar!
Vorausgesetzt, daß Sie es wirklich wollen!
Der ganze Müll wie frisch geputzt!
Vorausgesetzt, Sie wollen es wirklich!

Die Scheibe geht zu Bruch.

Die Off-Stimme fährt fort:
Für eine sich selbst erklärende Wirklichkeit!
– Glaslift –
Das gepflegte Glaslifting für Ihre Scheiben!

Schnitt zu Zeus: Er trägt ein Stirnband mit der Aufschrift: „Zeus! Eine bekannte Gottheit auf Abruf!“ Er putzt andächtig und ausgiebig seine Brillengläser.

Schnitt zurück in die Küche: Mutter und Sohn sitzen im Schneidersitz bei Räucherfischstäbchen auf dem Küchenfußboden und schnitzen aus dem Käsebraten eine Pyramide. Sie sind ungemein konzentriert bei der Sache.

Sohn
Es gibt so Momente im Leben, da frage ich mich immer, was der ganze Rummel eigentlich soll.

Mutter
Ich dachte, mit dem Thema wären wir durch…

Sohn
Vielleicht, vielleicht aber auch nicht!

Mutter
Das verstehe ich nicht…

Sohn
Da haben wir zur Abwechslung mal beide was gemeinsam…

Schnitt zu Zeus, der eben gerade aus dem Fenster springen will. Die Stimme seiner Frau ist von oben zu hören:

Mutter
Schatz, bringst Du bei der Gelegenheit
den Müll mit runter? Bist Du so lieb?

Schnitt: Zeus springt. Unten angekommen hört man ein dumpfes Geschepper, das auch in der Küche zu vernehmen ist.

Mutter
(zuckt bei dem Geschepper etwas zusammen)
Naja, der kommt schon wieder zurück.
Ich habe da so meine Erfahrungswerte!

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2 Responses to “Anfang und Ende (I)”

  1. buchstaeblich September 8, 2008 at 11:21 pm #

    Wundervoll! Wenn je wieder jemand behauptet, ich sei seltsam, schicke ich ihn hierher zum Lesen. Das ist ja richtig großes Kino, das ich spontan abnonnieren muss.

  2. Eduard vom Steinhof November 12, 2008 at 6:59 pm #

    Sehr amüsant, lieber Kollege!

    Wenn Müll runter bringen sich immer so schnell bewerkstelligen ließe und noch dazu derart folgenlos wäre …

    Es grüßt nur aus dem Fenster SCHAUEND

    Eduard vom Steinhof

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