40 Jahre Art Basel

18 Jun

Arbeiten seit nunmehr zwei Jahrzehnten scheinbar unermüdlich an der harmonischen Gleichschaltung des internationalen Kunstbetriebs: Das Berliner Künstlerduo Eva und Adele (hier auf der Art Basel 2009)

Was früher einmal die Art Basel war, ist immer noch die Art Basel. Da besteht kein Zweifel. Allerdings sind da wohl seit meinem letzten Besuch, vor ca. 15 Jahren oder so, ein paar geringfügige Änderungen vorgenommen worden: Der obligatorische rote Sisalteppich ist verschwunden, seltsame Schranken, die es zu überwinden gilt, unermöglichen es einem, ungehindert seinen über die Jahre hinweg liebgewonnenen Kreisrundlauf im Außenradius auf der Parterreebene des Mustermessehauptgebäudes zu vollziehen. Außerdem die teilweise inhaltlich neumodische Zusammensetzung der Messebesucherbewirtung im Innenhof…; außerdem der neue Sitz des Pressecenters…; außerdem die dramatisch gestiegenen Zimmerpreise…; außerdem bin ich älter geworden…; außerdem war die Welt noch nie vollkommen, früher jedoch auf ihr irgendwie alles viel besser – man denke bloß an den ersten und zweiten Weltkrieg…; außerdem sind die Damen im Pressecenter so freundlich, einem unavisierten Blogger wie mir, eine Presseakkreditierung zuzugestehen; außerdem spielen Cy Twombly und Richard Serra draußen vor der Tür – genau dort, wo früher Ben Wargin bereits gefällte Bäume zum Zwecke des Hinweises auf den Raubbau, den wir Erdenbewohner mit der Natur treiben, in eine Guillotine steckte und so ein zweites Mal köpfte – nun endlich mal in aller Ruhe, weil unangemeldet und somit unbeachtet, die längst überfällige Partie Riesenschach miteinander…;

Cy Twombly und Richard Serra spielen in aller Ruhe eine Partie Riesenschach miteinander, während zur selben Zeit die Herren Rosenthal und Koons ihre kopfeigenen Rechenzentren im Rahmen einer Podiumsdiskussion langsam aber sicher auf Betriebstemperatur konferieren.

… außerdem ist in der Schweiz immer alles wie Deutschland, nur ein bißchen anders und somit lohnt sich alles doppelt…; außerdem vertreten fast alle ernstzunehmenden Sammler, mit denen ich bis jetzt gesprochen habe, sich nicht nur die Beine sondern auch die Meinung, daß sich Stefan Balkenhol auch mal was Neues einfallen lassen könne, was der Gute, wie man hier prima sehen kann, doch längst hat…; außerdem ist jetzt fast viel besser als wie früher das früher war alles gestern…; außerdem habe ich nach einer längeren Suchaktion doch noch meinen Lieblingsmilchprodukteverkaufsstand auf dem Messegelände gefunden – allerdings ohne die genormtgeformten-70er-Joghurtgläser…; außerdem gibt es im Art-Unlimited-Gebäude anläßlich des 40. Geburtstags der wohl wichtigsten Kunstmesse der Welt eine Ahnentafel, auf der ich alle ausstellenden Teilnehmer der ersten Generation Art Basel gefunden habe: Ich erinnere mich an den Neapolitanischen Galeristen Lucio Amelio, der auf seinem Stand einen Künstler präsentierte, der direkt auf Keilrahmen gespannte Nerze zu einem Drittel ihrer bemalbaren Oberfläche mit herzergreifenden Sonnenuntergängen in Öl bereicherte; ich erinnere mich an die vielen Seldenschen One-Man-Shows auf dem Stand der Mailänder Galerie Naviglio; ich erinnere mich an ein Treffen mit Erich Hauser, der ein paar Monate später einfach so dem Alkohol zum Opfer fiel; ich erinnere mich an Jean Tinguely, der, als ich ihn portraitierte, seinen Zeigefinger in ein Wasserglas steckte und „Brumbrumbrum“ brummte; ich erinnere mich an Nicholas Treadwell und Bogislav von Wentzel und auch daran wie Zuerstgenannter sich von Zweitgenanntem an der Theke meines oben bereits erwähnten Lieblingsmilchprodukteverkaufsstandes hatte anhören müssen: „I think it is a little bit more than kitsch“ womit sich von Wentzel auf Treadwells Ausstellungsprogramm bezog, das in besagtem Jahr nicht eben wenige Kunstgemüter erheblich zu erhitzten vermochte; ich erinnere mich an die Bügelfalten in den Jeans von Axel Hecht; …

Ist Kunst eine Religion?
Nicht jeder Messebesucher ist von der Idee, sich spontan als Kunstjesus kreuzigen zu lassen, angetan, wie dies unsere Meerschweinchenreportmitarbeiterin (grüne Tasche) durch den hier spontan Angesprochenen (lila Tasche) Kraft seiner entschieden harschen Ablehnung einmal mehr erfahren mußte.

… ich erinnere mich an Carl Laszlo und an seine erfrischend polarisierenden Gedanken, mit denen er mich einige Jahre lang regelmäßig versorgte sowie an Miklos von Barthas Humor und Visitenkarte im Kupfertiefdruck; ich erinnere mich daran, einem zufällig mitgelauschten Gespräch unter Fachleuten, in dem der Name eines von mir besser hier nicht zu erwähnenden Galeristen fiel, entnommen zu haben, daß der hier Gegenständliche angeblich noch nie seinen Messestand bezahlt hat und damals seine Unterlassungssünde mit der scheinbar einleuchtenden Begründung gegenüber der Messegesellschaft ziemlich genau so vertreten haben soll: „Wenn ich nicht komme, dann seit Ihr zweitklassig!“ (Ein Argument, das angesichts der mittlerweile sehr vielen internationalen Top-Galerien, die auf der Art Basel vertreten sind, längst nicht mehr ziehen dürfte); ich erinnere mich an den stolzen Geichtsausdruck von Klaus Staeck, als er die Holzpostkarte von Joseph Beuys medienwirksam in seine Edition integrierte; ich erinnere mich an die gelb-roten KUNSTmagazin-Aschenbecher meiner Eltern, die einige Jahre lang fast jeden Messestand zierten und die an der Grenze von meinen Eltern, als sie von den Zöllnern gebeten wurden, deren genauen Verwendungszweck zu deklarieren, entsprechend griffig mit „Propagandamaterial“ eingestuft und vermutlich gerade deshalb auch so akribisch die Verzollung berechneten;…

Der Anblick einer Ahnentafel stimmt mich immer ganz sentimental.

… ich erinnere mich an diverse Gespräche unter Galeristen, die sich erzählten, daß die Schweizer Grenzbehörden während der Kunstmesseanfangsjahre einen Picasso nach Gewicht verzollt und einen Christo gar ausgepackt haben sollen; ich erinnere mich an Penck sowohl zeitgleich hinter dem Schlagzeug als auch einer Magnumflasche Veuve Cliquot; ich erinnere mich an an so vieles – ich weiß nicht mehr an wie viel…

Stampa
Eine der aus meiner Sicht besten Arbeiten auf der diesjährigen Art Basel: Stampas großartiges Werk „Public Viewing After Sunrise“ besticht durch überdurchschnittliche Präzision bei der Darstellung alles Menschlichen bis ins kleinste Detail. Stampas Anliegen: Der Messebesucher soll lernen, in welcher Vielfalt Gedrucktes konsumiert und stampa pede gedanklich verarbeitet werden kann. Nachteil für jeden zeitnotleidenden Besucher flüchtig schnellen Vorbeieilschrittes: Er wird möglicherweise glauben, daß die Wachsfiguren, täuschend echter menschlicher Antlitze, tatsächlich echt seien. So entblättert und legt sich nun der wahre Kern der Botschaft Stampas absichtsvoll vor und uns zu unseren Füßen: Sich Zeit zu nehmen, bedeutet oftmals Irrtümer zu vermeiden.

Brad Pitt Um in den Genuß einer möglichst detaillierten Detailansicht zu kommen: bitte anklicken.

Aktuelles Messethema: Brad Pitt hat bei David Zwirner eine Arbeit von Neo Rauch für etwas weniger als eine Million US Dollar gekauft. Das scheinen alle zu glauben. Ich glaube das nicht. Ich glaube, der Deal war ein anderer: David ruft bei Brad durch: „Du Brad, komm doch mal an meinem Stand auf der Art Basel vorbei, zeige mit dem Finger auf eine Arbeit von Rauch (wird fürs Internet im Amateurlook gefilmt), die Du Dir dann auch gleich unter den Arm klemmen darfst, streuen sodann vereint das Gerücht, daß Du knappeschlappe eine Million US Dollar für das Bild hingelegt hast, hängst Dir das gute Stück für ein Jahr oder so in Dein Wohnzimmer, bringst danach das Teil zu Christie’s, kriegst, weil schließlich der Vorbesitzer ein (one of the most hottest) Hollywoodstar war, locker und mindestens drei Millionen US Dollar dafür – und machen anschließend gemeinsam Fifty Fifty. Was denkst Du?“ Und Brad wird sich gedacht haben: „Hört sich nach einem vernünftigen Plan an.

Motherfuckers never die Noch ein aktuelles Messethema: Die italienische Galerie Minini zeigt eine bemerkenswerte Edition Jota Castros mit dem leicht einprägsamen Titel „Motherfuckers never die“. Gezeigt wird eine Namensliste mit wohlhabenden und einflußreichen Kunstsammlern. C’est tout. Fünf Exemplare mit weißer Schrift auf schwarzem Grund und fünf Exemplare mit grauer Schrift auf verspiegeltem Untergrund. Ein kurzes Gespräch mit dem Galeristen Massimo Minini ergab, daß jedes Exemplar EURO 12.000,- kostet, daß schon einige der Genannten auf seinem Stand erschienen seien, daß einige von ihnen die Sache mit Humor nähmen, einige andere jedoch mit ihren Anwälten drohten; die Vertreter letztgenannter Gruppe sich jedoch fast unisono dazu entschlossen hätten, lieber die Arbeiten vom Markt wegzukaufen, weil das billiger käme, als einen Anwalt zu beschäftigen. Ich habe Massimo Mininis Angaben nicht überprüft, allein schon, weil er von mir wissen wollte, ob ich mich auch auf der Liste befände (was mir schmeichelte); und ich außerdem finde, daß das eine schöne Geschichte ist, die ich nicht durch unattraktive Fakten zerstört wissen möchte.

“Cordt Schnibben” Kinder sind von der Möglichkeit, ihre Mütter tagsüber am Messemüttergarten abgeben zu können, ganz angetan.

Am Eröffnungstag dachte ich noch, einem ziemlich desillusioniert dreinblickenden Cordt Schnibben begegnet zu sein, wobei das stark desillusionierende Moment, das ich meinte, in seiner Erscheinung ausgemacht zu haben, hauptsächlich durch seine überdimensioniert buschigen Koteletten repräsentiert wurden. Oh, welch’ gehobene Gehässigkeiten hatte ich mir für ihn und meinen Blog ausgedacht. Nicht, daß ich etwas gegen ihn hätte: mitnichten. Aber wie das mit Nichten eben manchmal so ist: da verfolgt man urplötzlich Prinzipien, die einem bis eben noch völlig fremd waren. Allerdings traf ich Cordt Schnibben danach nicht mehr und beschloß deshalb, noch mal Gnade vor Recht ergehen und die Sache auf sich beruhen zu lassen. Dann jedoch, es geschah innerhalb des Hoheitsgebietes meines inzwischen hinreichend oft erwähnten Lieblingsmilchprodukteverkaufsstandes, drehte ich meinen an nichts Besonderes denkenden Spezialkörper um die eigene Achse und stand direkt vor ihm. Instinktiv griff ich nach meiner Kamera, hob sie an, er jedoch durchschaute die Situation und drehte sich blitzschnell um die eigene Achse, mein Blitz erhellte die Situation und sein Seitenprofil; er dachte wohl, es sei wohl vorbei, drehte sich zurück und nun konnte ich das Spiel dank meiner schier endlosen Liste an gesammelten Berufserfahrungen für mich entscheiden: Zweiter Blitz, Treffer und gewonnen. Yeppeehhhh! „Sie sind Cordt Schnibben, nicht wahr? Wir sind uns mal vor vielen Jahren in Cannes im Majestic begegnet. Das war in dem Jahr als Sie Michael Conrad für den SPIEGEL interviewten und dabei eine schwarzrotgoldene Badehose trugen. Ein schöner Königsweg, auf diese Weise das System zu kritisieren. Hat mir gut gefallen. Das wollte ich Ihnen schon immer mal sagen.“ „Ich bin nicht Cordt Schnibben“ entgegnete er mir trocken und wandte sich erneut von mir ab. „OK, dann werde ich die Bilder eben wieder löschen“ sagte ich leise und halb enttäuscht und schaute sie mir auf dem Display an. Allerdings waren das zwei sehr schöne Aufnahmen und so näherte ich mich ihm wieder, bot ihm an, sich das Display zu beschauen, und sprach: „Das sind aber zwei sehr schöne Aufnahmen. Wollen Sie mal sehen?“ „Was wollen Sie mir verkaufen?“ fragte er mich. „Nichts“ entgegnete ich, „Absolut nichts. Als Künstler verkaufe ich immer nur ein einziges Bild pro Jahr. Und das für dieses Jahr ist schon weg. Es ist nur so, daß ich einige Jahre ziemlich krank im Bett lag und nun reiflich bemüht bin, möglichst formvollendet den Wiederanschluß an das gesellschaftliche Leben zu finden. Glauben Sie, daß ich mich auf einem guten Weg befinde?“ Er schwieg und nickte.

A short interview with Eli BroadBlick nach Torschluß und 19:00 Uhr beim Verlassen des Pressecenters auf den Vorhof der Schweizer Mustermesse.

Im kreisrunden Innenhof sitzt entspannt der amerikanische Kunstsammler Eli Broad auf einem Stuhl und sonnt sich ein wenig. Wie schön, daß er mir ein kurzes Interview gewährt.

Q: Mr Broad, do you think that curators are the DJs of the contemporary art scene?

A: I don’t know what DJs really are.

Q: DJs are the selectors, the choosers, people who decide, which pieces of music shall be used and taken from an uncountable amount of sound tracks in order to introduce them to the public. They are to be seen as the ones who have the power to make someone popular and successful.

A: Now I see what you mean. The funny thing is that people always try to focus on only one single part instead of examining the whole ballpark. There are galleries being still very influential; there are art critics and magazines with the power to make an artist happy, or unhappy; and – of course – there are curators with the gift to be allowed making their favourite choice. But there is another aspect most of the analysts seem to forget: the art collector. Trust me but the typical art collector is not as half as stupid as crowds of frustrated artists might like to let us believe.

Q: What makes you buying a specific piece of art work?

A: That’s my secret.

Q: Mr Broad, thank you very much for the interview.

A: You’re welcome.

Sag ich’s nicht die ganze Zeit? Je kürzer das Interview, desto bedeutender der Sammler.

Art UnlimitedFranz Erhard Walther mit seinen „55 Handlungsbahnen“

Was ja richtiggehend hübsch, sweet und nett ist, das ist die zur gleichen Zeit laufende und von der USB protegierte Art Unlimited, die ein offizieller Bestandteil der Art Basel ist. Eine Installation übertrifft die andere an Größe und inhaltlicher Bedeutung. Ausgewiesene Freunde der Gattung „künstlerische Gesamtunterhaltung“, wie sie früher eigentlich nur von der Galerie Peter Littmann geboten wurde, werden hier ebenfalls voll und ganz auf ihre Kosten kommen.

Einschub:
„Cordt Schnibben“ entdeckte mich heute schon von weitem in einem Gang auf der Grundebene, drehte sich panikartig auf seinem Absatz, und trat den ungeordneten Rückzug an. Dieses Retro-Verhalten erinnert mich definitiv an die späten 1970er der Art Basel. Was da auf diesem Gebiet alles abging…huiuiui… Ich verstehe das nicht. Ein verunsicherter Sammler? Oder ein früherer Documenta-Macher, den ich im Geiste nicht auf der Liste habe? Ich glaube offengestanden: weder noch.

Zurück zur Art Unlimited: Noch eine sehr schöne Arbeit ist die den Eingangsbereich schmückende von Elisabetta Benassi: ein großer, handgeknüpfter Riesenteppich, der nichts weniger darstellt, als ein Telegramm, das 1936 Richard Buckminister Fuller („Fullerene“ – „Buckyball“) an seinen Freund Isamu Nogushi via Western Union schickte, in dem er ihm in 50 Wörtern versucht, Einsteins Relativitätstheorie zu erklären. Ich könnte mir dieses gute Stück prima als „Designobjekt“ via IKEA unter hunderttausenden von Erdenbewohnern verteilt vorstellen – allein schon, um zu zeigen, wie relativ so manches im Leben ist (höhöhö). Aber mich fragt ja mal wieder keiner.

Riesenpapiermonster von Pascale Marthine Tayou

Und als dritte Empfehlung noch das Werk von Pascale Marthine Tayou, welches wie die meisten anderen der hier ausgestellten Arbeiten (die Arbeiten von Stephan Balkenhol und Franz Erhard Walther gehören nicht dazu), mit den Mitteln der plakativen Suggestion arbeitet: Ein Papiermonster aus Schredderware. The artist’s statement: „I regard this monster as a shapeless monster that everyone can identify and play games with or make their enemy. It’s a reaction to the administrative system, to a maze of norms that arises to dominate its master. It constitutes discourse, lyrical poetry, a story of the periphery against global networking without beliefs of laws. (…)

Nur mal so und ganz zwischendurch…Wer sich für Kunst interessiert, sich jedoch nicht auskennt, kann sich einer der vielen Führungen anschließen, die von der Messegesellschaft angeboten werden.Anders als auf der Documenta besteht hier jedoch nicht die Pflicht, den Kunstkonsum ausschließlich durch die Brille der jeweiligen Kunsthistorikerin oder des Kunsthistorikers vorzunehmen.Das Foto zeigt eine Besuchergruppe der ArBasel auf dem Stand der Galerie Hans Mayer.

Es scheint, eine der grundsätzlichen Streitfragen zwischen Kunstliebhabern und/oder -kritikern, nämlich, ob die Kunst allein sich selbst zu genügen oder gar ein hehres Anliegen zu verfolgen hat, geht wohl auch deshalb auf der Art Basel unter, weil sich angesichts der vielen, vielen versteckten Zitate, weniger versteckten Zitate oder ganz offensichtlichen 1:1 Plagiate, die sich in schätzungsweise mindestens 30% sämtlicher der hier präsentierten Arbeiten ausmachen lassen, niemand mehr dafür zu interessieren scheint.

Und warum interessiert sich niemand mehr so richtig dafür? Kunst ist inhaltlich und formal nichts Elitäres mehr. Das war vor 40 Jahren noch ganz anders. Da war die bloße Präsenz auf der Art Basel Beweis genug, zum gesellschaftlichen Insiderkreis zu gehören. Elitär an ihr ist jetzt in nicht wenigen Fällen nur noch ihr Preis. Prinzipiell gleicht der Erwerb von Kunst inzwischen dem Buchen eines Langstreckenflugs. Alle sitzen in der gleichen Maschine, alle fliegen zur gleichen Zeit los und kommen zur gleichen Zeit an; nur daß die einen eben vorne sitzen und viel mehr bezahlen, als die, die hinten sitzen. Die Differenz sind der Fahrpreis und die im erhöhten Fahrpreis inbegriffenen Hummerschwänzchen. Aus dieser Erkenntnis folgt die zwingende Notwendigkeit auf der Art Basel eine VIP-Lounge bzw. Art Collectors Lounge zu installieren, ohne die der internationale Kunstbetrieb nicht mehr funktionieren würde. Außerdem findet viel Kunst im und durch das Internet statt. Mit den Computerprogrammen, mit denen sich jede Menge Blödsinn veranstalten läßt, entsteht auch vieles, das in den Kunstmarkt einfließt. Why not?

In addition: Es ist wohl eine Generationenfrage, ob man sich ungestraft am geistigen Eigentum anderer bedienen möchte und darf – oder nicht. Mit der gleichen Selbstverständlichkeit, mit der im Musikbereich gesampelt und zitiert wird, wird eben auch inzwischen in der Bildenden Kunst gearbeitet, wobei ein sogenanntes „Sample Clearing“, bei dem der Original-Urheber einen finanziellen Ausgleich für das „Ausleihen“ erhält, in der Kunstszene bis heute nicht stattfindet.

And finally: Die heutige Generation scheint sich für nichts anderes zu interessieren, als für sich selbst und ihre ordentlich geführten Web-2.0-Profile. Sie gehen in keine Museen, besuchen keine Galerien, keine Veranstaltungen, die einen bildungstechnisch weiterbringen würde. Und wenn man dann einen Nachwuchskünstler fragt, was er denn so mache, so erhält man zum Beispiel als Antwort: „Ich mache was mit Neonröhren. Das gibt es noch nicht.“ Nein, natürlich nicht…

Der Erschaffer künstlerisch-intellektueller Großereignissehier in kleinem Kreise: Prof. Dr. Wulf Herzogenrath

Kurz notiert:Barbara Krugers (Untitled – I shop therefore I am) aus dem Jahre 1987 ging für etwas weniger als $ 1m bei Thomas Ammann Fine Art über die Theke (links eine Arbeit von Penck);

Das Schaulager versetzt mit einer radikalen Umhängung der Sammlung des Kunstmuseums Basel die Kunstszene in, ähm räusper: Ekstase. So hängt beispielsweise ein Portrait von Hans Holbein dem Jüngeren aus dem Jahre 1530 neben einem überflüssigen Fotoportrait von Wolfgang Tillmans, das jemanden in vergleichsweise unangezogenem Zustand zeigt, wie er sich gerade einen Splitter aus dem Fuß zieht. Das fraglos bemerkenswerte an den Arbeiten von Wolfgang Tillmans ist, daß seine Bilder entweder mit dem Label «weltklasse» oder aber «unterirdisch» auszuzeichnen sind, und er auf diese Weise dem Mittelmaß konsequent aus dem Weg geht. Eine Qualität, über die nicht sehr viele Künstler verfügen. Gerd Harry Lybke (Eigen+Art) confesses that life is too short to die; Gavin Brown riß sich die Haustürschlüssel von Christoph Büchel unter den Nagel; schwer diskutiert: „Zerstören die vielen Kunstmessen die Existenz der Galerien?“; hingegen ultraleicht diskutiert: „Art and the spectacle of the everyday“; der Galerist Larry Gagosian will seine Finanzprobleme durch die Vergrößerung seiner Ausstellungsfläche in den Griff bekommen; die Arbeit „I am too political“ von Martin Kippenberger aus dem Jahre 1995 bei Per Skarstedt für $ 1.4m verkauft; …

Nicht jeder schafft es auf Anhieb, den von der Züricher Galerie Bischofsberger präsentierten Warhol (Wert: $ 80m) in Gänze auf seinem Handydisplay zu verewigen: „Ich bin aber nicht so gierig, wie die anderen“ wird sich manch einer der vielen Besucherinnen und Besucher sagen und sich realitätsbewußt mit einem Teil davon zufrieden geben.

die Klamottenfarbkombinationen von Mr Deitch: am Dienstag in verschieden Grüntönen am Start, am Mittwoch im konsequenten Gelb-bis-Ocker-Gemisch unterwegs, am Donnerstag enttäuschend normal, weil sein Violett-Approach keinen durchkonzipierten Eindruck macht, am Freitag dann wieder der bewährte Gelb-bis-Ocker-Mix, und heute überraschend farblos, weil: fast ganz in weiß, und: Soll ich mal einen Tip für morgen loswerden? Rot hatten wir noch nicht… (Nachtrag vom Sonntag: Mr Deitch sitzt schon im Flugzeug. Seine Mitarbeiterinnen wissen auch nicht, wie er heute angezogen ist, versichern mir jedoch, daß es mit Sicherheit nichts Rotes sein wird, weil rot nicht sein Ding ist.); Galerie St. Etienne verkauft Gouache von Ernst Ludwig Kirchner „Two Reclining Female Nudes“ aus dem Jahre 1908 für ca. $200.000,-; Bice Curiger, Kuratorin Kunsthaus Zürich und Parkett-Chefredakteurin über eines ihrer Lieblingsstücke (hier: von Sue Williams „Unconfirmed, 2009) auf der Art Basel: „Her thoughts and reflections are concerned with sexuality, she has an erotic energy, which is both comic and drastic.

Der “rote Teppich” Wie mir seine Produktionsleiterin erklärt, will der Schweizer Künstler Hermeli mit seiner Rote-Teppich-viele-filmen-mit-Performance auf das Messiwesen seiner Mutter aufmerksam machen. Jedoch glaube ich eher, daß es sich um einen geistig nicht sonderlich reifen Versuch handelt, das Verhalten von VIPs auf einem roten Teppich zu persiflieren. Hier liegt HP Kerkeling mit seiner Königin-Beatrix-Nummer jedoch nach wie vor unschlagbar weit vorne.

Und nun mal etwas Grundsätzliches über die Qualität der diesjährigen Art Basel bzw. über den Gesundheitszustand der Kunst und deren zugehörigen Szene im Allgemeinen:

Dem Grunde nach handelt es sich um eine sehr hochwertige Messe. Einerseits. Andererseits ist bei genauerer Betrachtung vereinzelt eine Sorte von Schrott zu registrieren, die es selbst auf einer Esoterikmesse nicht ganz leicht hätte. Ich meine hier insbesondere diese ultrageschmacklosen „Silberbilder“ im Eingangsbereich der Galerie Lelong. Jajaja, ich bin mir vollkommen bewußt, mit wem ich mich da gerade anlege, aber ich habe mir besagte Werke jetzt drei Tage hintereinander immer wieder betrachtet. Deshalb mein Tagesbefehl: sofort abhängen!

Ansonsten gibt es auf der Art Basel nichts, was es nicht gibt: alle möglichen alten und neuen Kunstrichtungen nebeneinander und vergnügt miteinander (eingefleischte Puristen sprechen bereits vom Ende des traditionellen Kunstverständnisses – siehe auch vorstehende Ausführungen zum selben Thema); und was mich angesichts dieser drastischen Angebotserweiterung am meisten verwundert: eigentlich müßten die Preise bei so viel Kunst im Überangebot fallen, aber sie steigen. Ich meine nicht die diesjährigen Kunstpreise im Vergleich zu denen vom Vorjahr, sondern im Vergleich zu denen von vor 10 Jahren. Früher kosteten Arbeiten, die mir gefielen und die nicht mit „Picasso“ signiert waren, im Schnitt zwischen DM 20.000,- und 30.000,-, vereinzelt sogar nur DM 5.000,- bis 8.000,- (wie beispielsweise die von mir oben bereits beschriebenen Ölnerzbilder bei Amelio). Heute hat sich das Mittel unter Nichtberücksichtigung des EURO-Faktors verzehnfacht.

Fünf dickhäutige PortemonnaiesSelbst Elefanten reisen zur diesjährigen Art Basel mit prall gefüllten Brieftaschen an, wie es sich mit Hilfe dieses Fotos sehr schön beweisen läßt.

Die Art Collectors Lounge im dritten Stockwerk:
Auch eine Neuerung, die mir aus früheren Art-Basel-Tagen völlig unbekannt ist: die VIP-Lounge bzw. die Art Collectors Lounge. Hier und heute unter der Leitung von Hubert Erni. Sie befindet sich im dritten Stockwerk, genau dort wo früher das Pressecenter seinen Sitz hatte. Vollkommen klar, daß ich ihr allein schon aus diesem Grunde einen Besuch abstatten mußte. Wie ich es schaffte, ohne Ticket durch den Haupteingang, sprich via Rolltreppe nach oben zu kommen, möchte ich jetzt nicht weiter erörtern, aber es ging alles mit rechten Dingen zu: Oh, wie ist das schön, und so anders, und so herrlich: reinste Gebirgsluft einmal komplett durchionisiert. Und endlich darf ich an jenen tiefgreifenden Gesprächen teilnehmen, die sich in der betriebsamen Hektik auf den Ebenen 0 und 1 einfach nicht führen lassen: „Haben Sie sich schon die Raussmüller Collection angesehen?“ „Nein.“ „Ich auch noch nicht. Kommt aber noch.“ „Wissen Sie, als ich das Ausstellungsplakat studierte, dachte ich direkt an folgende Radiodurchsage im Stile eines Werner Hansch ‘… Lembruck übergibt das Leder an das Schußbein von Bundesbein, Bundesbein zieht ab und schiiieeehhhh….aaaberrrrr: Urs konnte den Ball in letzter Sekunde aus seinem Kasten wieder raussmüllern. Welch’ eine sensationelle Spieldramatik…’“ (etwas längere Pause) „Sie sind Künstler?“ „Ja, leider. (kurze Pause) Was sammeln Sie denn so? Sie sind doch bestimmt Sammler, oder?“ „Ich sammle Quadrate, Kreise, Rechtecke. Ich mag’s gerne mathematisch.“ „Keine Dreiecke? Die lassen sich auch prima mathematisieren. Und falls ich mich nicht irren sollte, so gilt das Dreieck als die stabilste geometrische Form.“ (kurze Pause) „Das ist wohl war, aber das Dreieck ist mir irgendwie dann doch ein Hauch zu konkret. Wissen Sie, ich finde, egal was man tut, man sollte die Dinge nicht übertreiben. (kurze Pause) Und in welche Richtung sind Sie künstlerisch tätig?“ „Oh Pardon, aber dahinten sitzt ja der Leihvater meiner beiden Kinder. Ich habe ihn schon seit Jahren nicht mehr gesehen. Macht es Ihnen etwas aus, wenn wir uns später weiterunterhalten?“ „Aber mit dem größten Vergnügen.“ Wenn man dann noch das Glück hat, in einer solchen Situation ganz entspannt und mit Väterchen Zufall im Rücken auf einen Galeristen wie Hans Mayer oder Karsten Greve deuten zu können, hat man die ersten Punkte in diesem Spiel ohne viel Hickhack bereits klar für sich verbuchen können. Nur sitzen dort in diesem Moment bedauerlicherweise keiner der beiden vorstehend Genannten, sondern…das gibt’s doch nicht…huiuiui: mein Spezialfreund „Cordt Schnibben“.

Deshalb: „Entschuldigen Sie bitte, aber darf ich mich zu Ihnen setzen?“ Er schaut auf und erwidert freundlichen Blickes: „Aber natürlich, vorausgesetzt, Sie möchten mir nichts verkaufen“ und grinst ein wenig vor sich hin. „Ich habe meine Position neu überdacht: Sehen Sie das Hochhaus da drüben? Das möchte ich Ihnen gerne anbieten. Interessiert?“ „Selbstverständlich, aber nur wenn bei Objektübergabe noch alle Fensterscheiben drin sind.“ Jegliches Unbehagen ist auf beiden Seiten gewichen. Ansonsten schweigen wir und fragen uns möglicherweise unisono, unter welchen Ausnahmebedingungen wir uns das nächste Mal begegnen werden…

HochsitzNicht nur in der Art Collectors Lounge im 3. Stock, sondern auch von direkt vor den Toren der Art Basel stehen dem interessierten Messebesucher gehobene Sitzpositionen zur Verfügung: (Arbeit von Jeppe Hein mit dem Titel „Loop Bench“ aus dem Jahre 2006).

Und schließlich meine Kunstkaufempfehlung:Die Galerie Helly Nahmad zeigt eine beeindruckende Joan-Miró-One-Man-Show. Die Arbeit „Femmes et Oiseaux dans la nuit“ aus dem Jahre 1968 ging gleich zur Preview für $6m über den Ladentisch.

Aber mal sehen, was man sonst noch so für ein Ankaufsbudget in dieser Größenordnung auf der Art Basel hätte bekommen können. Ich fange mit einer aufwendigen Mischtechnik an, die ich auf dem Stand der Londoner Galerie White Cube ausgemacht habe:Name of the artist: Ashley Bickerton; Prize: $ 350.000,-; Gallery: White Cube.

Zu dieser Arbeit kann ich leider nicht die geringsten Angaben machen, weil ich vergaß, sie mir zu notieren.

Name of the artist: Kolkoz; Prize: $ 16.000,-; Gallery: Perrotin.

Name of the artists: Elmgreen&Dragset; Prize: EURO 3.500.000,-; Gallery: De Carlo.

Meine große Lieblingsarbeit auf der diesjährigen Art Basel ist jedoch eine recht archaisch wirkende (und eigentlich gar nicht verkäufliche) Arbeit von Gino de Dominicis, die aber mit vielviel Bittebittebitte und ebenso vielviel Zuckerzuckerzucker obendrauf dann doch ausnahmsweise für irgendwie leicht zu merkende EURO 1m zu haben wäre; und die leider (ihr einziger, schwerwiegender Nachteil) nicht den von mir favorisierten Titel trägt, nämlich „The artist has just left the building“. Galerie: Rumma.

P.S.: Kleine Bitte an die Messeleitung: Wäre es möglich, im nächsten Jahr die Standnummern der Galerien auch wieder im großen Hauptkatalog auf der jeweils zugehörigen Seite zu erwähnen?

P.P.S.: Kleiner Spezialtip von mir: Die Künstlergruppe „Leicalightathletics“ (hier ein Mitglied) kommt nächstes Jahr auf der Art Basel bestimmt ganz groß raus. Jede Wette!

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  1. Art|41|Basel – The Ultimate Photobook! « meerschweinchenreport.de - July 2, 2010

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