Die besonders abenteuerliche Designagentur

14 Feb

Homage to Alfred Hitchcock entitled
«My goodness, they are going to eat my toilets!»

Irgendwie ergab es sich, einerseits Nicky von nebenan etwas besser und intensiver kennenzulernen, und gleichzeitig die Agentur, mit der er häufiger zusammenarbeitete. Vorher begegneten wir uns nur sporadisch – auf der Straße; waren wir einerseits irgendwie voneinander fasziniert, so wie man von einer exotischen Südseefrucht fasziniert sein kann, ohne sie je gegessen zu haben, konnten uns aber sonst gegenseitig nicht so richtig einordnen: Er mit seinem mintfarbenen Herrhausen-Kübel, einem Knochen von Funktelefon und einer Plattenkiste, die mit den seltsamsten Musikproduktionen ausgestattet war, die man sich nur vorstellen kann; und ich mit meiner selbstgebastelten Pickup-Ente und einem quietschblauen Teddybärmantel von Yohij Yamamoto, den ich mir mal in New York Citys Grand Streeet gekauft hatte. Daß der Vorbesitzer von Nickys Kübel tatsächlich der von der RAF ermordete ehemalige Chef der Deutschen Bank Alfred Herrhausen war, wußte ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Aber ich sah darin immer Nickys Frau mit einem gleichfarbenen und breitbändrigem Stirnhaarband fröhlich und lebensbejahend in den Innenhof des Nebengebäudes fahren. In Nickys Familie wurde in bestimmten Lebensfragen schwer auf das Detail geachtet. Dafür in anderen wiederum überhaupt nicht.

«Ich spiele Barschel, weil meine Grappaflasche leer ist!»
Dr. Uwe Barschel gespielt von Jakob Bundesbein

Eines Tages führte mich meine Akquisetour in die Abenteuerliche Designagentur. Dort lernte ich den Inhaber Jakob Bundesbein kennen und zeigte ihm ein paar meiner Sachen – so dies und das – auch meine dreiteilige «Hommage an Alfred Hitchcock mit dem Titel: My goodness, they are going to eat my toilets.» (siehe oben) Auch meine «Hommage an Romulus und Remus aus der Sicht zweier Mayonnaisetuben» war darunter. Wir wurden sehr schnell Freunde und Nicky gehörte mit dazu. Jakob Bundesbein! Seltsamer Name. Seltsame Agentur. Dieser Laden bestand bereits zu einem Zeitpunkt aus einem Netzwerk, als noch niemand über Netzwerke sprach. Auf Nickys Agenturvisitenkarte stand Creative Director. Ich selbst mußte mich mit Creative Consultant – was auch immer das zu bedeuten hatte – begnügen. War mir aber egal, denn schließlich war ich ja bereits Creative Director meiner eigenen Agentur hamster & james in London; sogar Executive Creative Director. Ich fühlte mich wie Winnetou, Häuptling der Apachen, der immer und überall in geheimer Mission unterwegs war und nie Zeit hatte, sich um die Belange seines eigenen Stammes zu kümmern. Jedenfalls nicht so, wie andere diese Doppelverpflichtung gehandhabt hätten. Ok, das eine oder andere ist in London schon noch unter meiner Regie gelaufen. Zum Beispiel ein Werbespot für das Bestattungsunternehmen Mr Sandman’s Finest Funerals; oder ein Don’t-drink-and-drive-Spot, der den plötzlichen Unfalltod von Lady Diana Spencer thematisiert und der mir einen besorgten Anruf aus dem Hause Buckingham Palace sowie einen «total ban» im Vereinigten Königreich einbrachte.

Wir begriffen uns untereinander als Netzwerkverbündete, Brüder im Geiste, alle ausgestattet mit einem untrüglichen Sinn für großartige Projekte, die einerseits mit einem hohen Budget sowie dem unauslöschlichen Feature ausgestattet waren, daß wir hinterher immer mit etwas weniger Geld dastanden als vorher. Das trieb den Laden slowly but surely in den Ruin. Ein schleichender Prozeß, der nicht aufzuhalten war. Aber wen interessierte das? Der Spaß, den wir bei der Akquise und Umsetzung dieser Projekte hatten, war uns das x-fach wert. Übrigens auch heute noch, auch wenn einige von uns unter finanziellen Gesichtspunkten immer noch mit der Zeit von damals zu tun haben. Schließlich bedeutet Leben, die Erinnerungen an vergangenen Leistungen zu akkumulieren, um daraus neuen Lebenssinn zu schöpfen. Oder so ähnlich… Die große Besonderheit, also das, was uns wirklich auszeichnete, waren unsere Kontakte und unsere individuellen Fähigkeiten, in Personalunion alle möglichen kreativen Disziplinen gleichzeitig ausüben zu können.

DJ Nicky Sprenger analysiert seinen Plattenteller

Nicky war DJ, Texter, Konzeptionist und Musiker in einem. Jakob war Texter, Grafiker und Kontakter. Ich war Fotograf, Texter und Konzeptionist. Die beiden Bereiche Musik und Grafik gesellten sich bei mir gerade hinzu. Für den typischen Durchschnittskreativen in einer dieser international agierenden Durchschnittsagenturen hatten wir nichts übrig. Uninteressante und komplett talentfreie Kreaturen, die irgendwann einmal bei Überschreitung der Altersgrenze völlig zu Recht gefeuert werden würden. Kein Hahn würde nach ihnen krähen. Aber wir? Wir waren etwas ganz besonderes, die Elite jeder erdenklichen Kreativelite. Wir legten erfolgreich Wert auf äußerste Diskretion. Keiner kannte uns! Wir arbeiteten von spät nachts bis in den frühen Morgen hinein: Die Harald Schmidt Show war für uns ebenso obligatorisch, wie die sich daran anschließenden Erkundungstouren durch das Internet. Es war die Zeit, da gab es im deutschsprachigen Bereich vielleicht ein paar tausend Netzseiten – mehr nicht. So entdeckte Nicky beispielsweise eine Site, die nach Auffassung des Betreibers die zehn wichtigsten Punkte des Lebens behandelte. Punkt 1 war: «Wenn Sie die Welt zerstören möchten, dann klicken Sie auf DIESEN Knopf!» Eine Einladung, die wir gerne annahmen. Immer und immer wieder. Überall auf der Welt explodierten plötzlich Bomben und wir waren felsenfest davon überzeugt, daß diese Geschehnisse mit uns und dieser Website in direktem Zusammenhang standen. Ein weiterer Link gab einem die Möglichkeit, sich mit Viren zu versorgen, sofern einem danach war. Dann war dort noch eine mehrteilige Konstruktionszeichnung abgebildet, die einem verdeutlichte, wie man einen PEZ-Brausebonbonbehälter fachgerecht nachfüllt. Außerdem übten Nicky und ich uns in den Grafikprogrammen Freehand und Illustrator. Ich entwickelte Illustrationen, die an verhinderte Twomblys erinnerten. Er stand mehr auf Plakate, u.a. für ein fiktives VOKUHILA-Treffen. In lupenreinem Siebzigerjahreretrodesign. So saßen wir da, tauschten unseren regen Kreativoutput aus und warteten darauf, daß mal wieder einer unserer Kontakter einen netten Job ins Haus brachte.

Freie Designarbeit von Nicky Sprenger

So nahm einer unserer Verbindungsleute an einem Segelausflug auf der Yacht von Florian Langenscheidt teil. Mit von der Partie seine Frau Gabriele Quandt. Auf Antigua kam vorbezeichnete Gesellschaft mit dem dortigen Lokalbier namens Wadadli in Kontakt. «Wadadli. Aus entsalzenem Meerwasser.» Der Etat für die spontan geborene Idee, dieses Gebräu als Szenegesöff in Deutschland zu etablieren, ging an uns. Jede Menge Geld und jede Menge Paletten dieses Bieres waren ruckzuck auf dem Weg in unsere Gemächer. Wir mieteten einen riesigen Truck mit entsprechend riesigem Anhänger und ließen die Abdeckplane groß mit «Wadadli. Aus entsalzenem Meerwasser!» lackieren.

Damit versperrten wir an Wochenenden regelmäßig den Zugang zu den Parkplätzen von Großraumdiscos. Liebreizend gekleidete Hostessen mit hübschen Füßen liefen durch die Autoschlangen und verteilten ein Gratisfläschen nach dem anderen, verbunden mit der aufrichtigen Entschuldigung, der Truck habe eine Panne! Allein vom Anblick der Mädels hätte man betrunken werden können. Nickys Idee: Es muß wie der unfreiwillige Besuch eines Autokinos sein – nur wesentlich intensiver! In Hessen wußten innerhalb kürzester Zeit ziemlich viele Menschen etwas mit Wadadli anzufangen. Auch, daß es sich um ein Bier aus entsalzenem Meerwasser handelte. Eigentlich befanden wir uns mit diesem Projekt auf einem guten Wege. Auch Jakobs Anzeigen, die eine mit Meerwasser gefüllte Wadadli-Flasche zeigte und die Überschrift «Message in a bottle!» trug, kam bestens an. Der Grund, warum wir letztlich mit diesem Projekt scheiterten, stand mit den Unmengen an Wadadli-Paletten in direktem Zusammenhang. Jakob war von der fixen Idee beseelt, ziemlich viele Szene-Parties zu geben und das Bier kostenlos zu verschleudern. Herr Bundesbein liebte einfach Parties, bei denen er der Gastgeber sein konnte. Nach nur einem halben Jahr war die Ware weg, unser Ziel verfehlt, und eine Verlängerung des Mandates nicht in Sicht, denn Frau Quandt sah keinen Sinn darin, eine verlockend klingende Urlaubsidee weiterhin unerfolgreich zu verfolgen.

Eine Langzeitbelichtung von etwas mehr als einer Stunde. Nimmt man es mit der konsequenten Einhaltung eine pointilistisch-tachistischen Bildästhetik ernst, so grenzt die Umsetzung eines flashlight paintings an Leistungssport.

Nicky hatte als DJ nicht nur freundschaftlichen Kontakt zu den ganz Großen in dieser Szene: zu Westbam, Snap und Jam & Spoon zum Beispiel. Er veröffentlichte selbst seine eigenen Kompositionen, oder er baute Coverelemente in Dancefloorstücke ein, so zum Beispiel «4 am», mit denen er dann bei sogenannten Major-Labels über eine Veröffentlichung verhandelte. Das Stück «4 am» war so ein richtig gut gemachtes und daher völlig überflüssiges Dancefloor-Stück. Ihm war das durchaus klar, aber von Zeit zu Zeit genoß er den Ausflug in den Kommerz. «Hamster, Kommerz ist immer ein bißchen wie Urlaub!» ließ er mich dann wissen. Wohl auch um mir zu verdeutlichen, was er mit «Urlaub» genau meinte, brachte er mich bei SONY als Fotograf für das CD-Cover ins Gespräch. Der Name seines Projektes lautete «Überschall». Zufälligerweise hatte ich bereits einen aufwendigst durchgeblitzten Learjet in meiner Mappe – und dieses Bild sollte es sein! Mein flashlight painting fand der zuständige Dance-A&R von der Plattenfirma auch ganz spannend, nicht jedoch meine nickyeske und höchst urlaubsorientierte Honorarvorstellung. However, Monsieur Le A&R machte Umschweif, sagte, er wolle höchstens die Hälfte bezahlen. Bis er in München anläßlich der Verleihung des «Bairischen Fernsehpreises» an die Filmschauspielerin Jennifer Nitsch mit ebenselbiger an einem Tisch sitzen durfte. Keine Ahnung, wie diese Null das schaffte. Vermutlich hatte Nicky da was gedreht, schließlich war der Knabe ja sein Vertragspartner. Irgendwie fiel das Gespräch dann auch auf mich und Jennifer erwiderte die entgeisterte Frage meines besagten Verhandlungspartners bei SONY «Was Du kennst Hamlet Hamster?» mit «Ja, ich war mit ihm zusammen auf dem Internat!» – was glatt gelogen war. Jennifer war echt großartig. Im Gegensatz zu mir durchschaute sie diese Leute genau und wußte, wie sie funktionieren. Damit revanchierte sie sich bei mir für die vielen flashlight paintings, die ich kurz zuvor von ihr gemacht hatte. Meine höchst urlaubsorientierte Honorarvorstellung war für SONY übrigens danach überhaupt kein Thema mehr. Wirklich schade, daß Jennifer nicht mehr lebt!

Eines der flashlight paintings von Jennifer Nitsch

Ich will nicht allzu viel erzählen, aber das war so die Ebene, auf der wir damals durchgehend unterwegs waren. Meine flashlight paintings erschienen in dieser Zeit überall auf der Welt, sogar auf vier sweeten Doppelseiten im chinesischen People-Magazine. Außerdem kamen sie bei Sotheby’s unter den Hammer. Das war vielleicht crazy! Wir waren ein veritabler Kreativmix mit einem ausgeprägten Hang zum Überschwenglichen. Theoretisch hätten wir es mit der kreativen Weltelite aufnehmen können, denn wir waren ein Teil von ihr. Theoretisch jedenfalls! Denn wir waren viel zu intelligent, als das wir jemals Gefahr gelaufen wären, uns im konservativen Sinne zu überarbeiten. Und genau hier schwamm der Hund in der Pfeffersauce, beziehungweise lag er unter ihr begraben.

Spontan in Sulden entstandenes Blitzlichtgemälde, das die beiden Hauptsponsoren «Milka» und «Volks- und Raiffeisenbanken e.V.» bauchpinselt.

Jakob schaffte es zu jeder sich bietenden Gelegenheit, seine Agentur großartig aussehen zu lassen. Ich erinnere mich da an das Skirennen, das von dem Branchenblatt HORIZONT für alle deutschen Werbeagenturen in Sulden ausgeschrieben wurde. Klar, daß wir dabei waren. In Jakobs Bekanntenkreis befanden sich zufälligerweise der letzte Hessen- und Vize-Hessenmeister im Abfahrtslauf. Er machte sie kurzerhand zu Agenturmitarbeitern und meldete sie an. Er bezahlte ihnen die Reise, die Unterkunft, das Essen – einfach alles. Sie waren seine Gäste. Im Gegenzug gewann unsere Truppe souverän in allen Disziplinen. Beim Abfahrtslauf war der Abstand zu den Zweiten sogar so groß, daß ich, der als Letzter durchs Ziel kam, mir den Luxus leisten konnte, die Ziellinie mit geschulterten Skiern zu überqueren. Bei allem, was wir taten: Wir legten immer großen Wert auf das Detail. Der Laden ging letztlich zu Grunde, als Jakob immer mehr irgend so einem seltsamen Riesendeal hinterherlief, sich uns gegenüber immer konspirativer verhielt – und dabei seine regulären Agenturgeschäfte sträflichst vernachlässigte. Wir hatten unglaublich viel Spaß in dieser Zeit; und es ist äußerst bedauerlich, daß es die Abenteuerliche Designagentur nicht mehr gibt.

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Sensibles Thema. Deshalb keine Kommentarmöglichkeit.
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