Michael Kaufmann & Stefan Piendl: «Das Wunder von Caracas»

27 Sep


Mitte der 1970er Jahre hatte der venezolanische Musiker, Ökonom und Politiker José Antonio Abreu eine Vision, die nachhaltig das Leben Hunderttausender Kinder und Jugendlicher in Venezuela verändern sollte. Nun lautet zwar einerseits einer der berühmten Aussprüche unseres früheren Bundeskanzlers Helmut Schmidt «Wenn Sie Visionen haben, dann gehen Sie zum Arzt!»; andererseits gäbe es ohne Visionen keine Kunst. Keine Leidenschaft. Keine Kultur im Sinne von Kultur.

So war die Gründung der Orchesterbewegung El Sistema 1975 der Beginn einer einzigartigen Erfolgsstory, die für viele Länder zum kultur- und sozialpolitischen Vorbild wurde. Mit seiner Organisation der Kinder- und Jugendorchester feiert der Musiker, Ökonom und Politiker José Antonio Abreu heute international Erfolge und wird mit Preisen überhäuft – am 2. Oktober 2011 erhält er den ECHO Klassik Sonderpreis für sein soziales Engagement. El Sistema ermöglicht allein in Venezuela zurzeit über 300.000 Kindern und Jugendlichen eine musikalische Bildung und hat damit in einem von schweren sozialen Problemen betroffenen Land eine gesellschaftsrelevante Initiative geschaffen.

Abreu gelang es seit 1975, die Unterstützung aller amtierenden Regierungen zu erhalten. Dadurch verfügte Venezuela 2007 über 90 Montalban-Musikschulen mit 250.000 Kindern, 125 Jugendorchester, 57 Kinderorchester und 30 professionelle Sinfonieorchester. Bei der Fundación del Estado para el Sistema National de las Orquestas Juveniles e Infantiles de Venezuela (Fesnojiv) sind hierfür 1500 Musiklehrer angestellt. Die Gesamtjahreskosten des Projektes betragen 29 Millionen Dollar und sind für ein Entwicklungsland eine ungewöhnlich hohe Summe.

Abreu selbst meinte dazu (Zitat Wikipedia): «Die Regierung unterstützt mein Projekt genau wegen seiner sozialen Ausrichtung. Der Staat hat sehr gut verstanden, dass das Projekt, wiewohl es mit Mitteln der Musik arbeitet, zuvörderst ein soziales ist: ein Projekt zur Förderung allgemeiner menschlicher Qualitäten. Denn für die Kinder, mit denen wir arbeiten, stellt die Musik fast den einzigen Weg zu einem menschenwürdigen Dasein dar. Armut – das heißt: Einsamkeit, Traurigkeit, Anonymität. Orchester – das heißt: Freude, Motivation, Teamgeist, Streben nach Erfolg. Wir sind eine große Familie auf der Suche nach Harmonie und jenen schönen Dingen, die allein die Musik den Menschen zu bringen vermag.» Er zitiert gern Mutter Theresa und sagt: «Es ist auch ein geistlicher Kampf für das Wahre, Schöne, Gute – gegen Not und wirtschaftliche Gier.»

Im ersten umfassend recherchierten Buch «Das Wunder von Caracas», das am 4. Oktober 2011 im Irisiana Verlag erscheint, erkunden die Autoren Prof. Michael Kaufmann und Stefan Piendl, mit welcher Leidenschaft Abreu sein Projekt vorantreibt, wie es sich entwickeln konnte und immer noch weiter entwickelt. Dazu befragten sie für dieses Buch alte Weggefährten der ersten Stunde, international gefeierte Künstler wie Gustavo Dudamel und nicht zuletzt José Antonio Abreu selbst.

Abschließend die Meinung eines Spitzendirigenten: «Ich schätze Abreu wie nur wenige Menschen auf der Erde. Bei der Arbeit von El Sistema wird deutlich, was Musik wirklich bewirken kann. Es freut mich, dass die beeindruckende Geschichte von José Antonio Abreu und seiner mehr als 35 Jahre währenden Arbeit nun in einem Buch gewürdigt und beschrieben wird.» – Daniel Barenboim, aus seinem Geleitwort zu «Das Wunder von Caracas».

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