Luke Jerram: «Skulpturale Börsenkurse»

12 Feb

Allrightyright, gehen wir tatsächlich mal davon aus, daß es sich bei Luke Jerram um einen waschechten Künstler handelt; und nicht etwa um – sagenwirmalhöflich – den allseits gefürchteten Wallstreetboss Oliver Cromstein, der sich nach seiner unvorhergesehenen Geschlechtsumwandlung nun nach einer neuen geistigen Heimat umsehen muß – und glaubt, im Anfertigen von gedrechselten Börsenkursen eine gefunden zu haben. Einerseits. Andererseits sitzt er gerade an seinem Schreibtisch und denkt darüber nach, ob es nicht vielleicht besser wäre, für einige Jahre als Matrose auf einem Containerschiff anzuheuern, um wieder zu sich zu kommen – so wie er es formuliert.

Luke Jerram hingegen ist tatsächlich ein Künstler, der seine Werke gerne mit wissenschaftlichem Wissen anreichert. Eine beispielhafte Headline aus der New York Times fragt: «Are Killer Viruses, Rendered in Glass, Also Things of Beauty?»

Außerdem gibt es seine skulpturalen Börsenkursvisualisierungen nicht nur aus solidem Holz – sondern ebenfalls aus zerbrechlichem Glas. Holz verhält sich in den Augen des Künstlers zu Glas wie ein Bulle zu einem Bären. Damit möchte uns Luke Jerram auf seine Botschaft aufmerksam machen: Uns aufzuzeigen, wie fragil so eine Börse eigentlich sein kann. Was im Segment Anliegenskunst eine wichtige und richtige Sache ist – gerade in der heutigen Zeit. Vom 8. bis zum 30. Juni werden seine Arbeiten in der New Yorker Heller Gallery ausgestellt.

Website Luke Jerram
via: Crackajack’s Nerdcore

*

Aber halt: Betreibt Luke Jerram tatsächlich Datenvisualisierung? Nein, denn die eigentliche Sichtbarmachung der Verkaufsverläufe an der Börse stellt die Börsenkurve dar. Luke Jerram überträgt sie lediglich ins Dreidimensionale und verhilft ihr so zu einem zusätzlichen haptischen Glanz.

Hier erstellte Luke Jerram zunächst ein visuelles Abbild der Sounddatei Atombombe Hiroshima mittels einer Soundsoftware. Anschließend wandelte er es wie gehabt zu einem dreidimensionalen Glasobjekt. Der Kritiker Max Liu schrieb im zeitgenösssichen Kunstmagazin this is tomorrow: «28 seconds of Hiroshima is…sound captured, less as a marker in time than a dagger-sharp splinter in the heart of the twentieth century.»

Es scheint wohl ein Zeichen der Zeit zu sein, bestimmte Schlüsselbilder, sogenannte Key Visuals, in ein anderes Medium zu transponieren – oder in einer anderen Weise erneut wiederzugeben. Der Künstler Brock Davies arbeitet derzeit an einer Serie, in der er berühmte Explosionen, beispielsweise die des Challenger-Unglücks im Jahre 1986, mit Blumenkohl nachstellt:

Artwork by Brock Davies

Challenger Explosion 1986 – Photo by AP

Hier geht es zu Brock Davies’ flickr account. Wir dürfen alle gespannt sein, was es auf diesem künstlerischen Gebiet zukünftig noch alles zu sehen geben wird. Nicholas Lobo hätte hierzu bereits einige Vorschläge zu machen.

***
Sensibles Thema. Deshalb keine Kommentarmöglichkeit.
***