Tim Walker Photography

12 Feb

Photo by Tim Walker

Um unseren Lesern immer mal wieder was Frisches auf den Tisch zu legen, führen uns die Recherchewege gelegentlich dann doch in die entlegensten Winkel – um schließlich wieder auf einer Autobahn zu landen, die einen schnurstracks zu einem neuen Netzfund führt; hier zu: Tim Walker Photography.

Passend zu diesem Gericht gibt es hier eine ausführliche Erläuterung des Stern-Journalisten Jochen Siemens. Bei diesem Namen wird unser Redaktionsfotograf hellhörig, denn er hatte mal das Vergnügen, mit ihm diesen Job für den Stern umzusetzen. Die Zusammenarbeit mit ihm erinnerte ihn damals schon an einen seltsamen Zusammenschnitt des Films Local Hero: Der im fernen Texas gebliebene Ölmagnat Hepper, hier gespielt vom Stern-Journalisten Jochen Siemens, instruiert seinen Mitarbeiter MacIntyte, hier gespielt von unserem Redaktionsfotografen Andreas Baier, aus der Ferne und interessiert sich weniger für den Verlauf des eigentlichen Jobs als dafür, ob sich sein MacInbaier in London auch schön brav im Hazlitt’s einquartiert hat (was übrigens ein prima Tip war), ob er in Gstaad zufälligerweise Audrey Hepburn gesichtet, und ob er – ganz wichtig – in Florenz die freischwebende Kuppel des berühmten Baumeisters Filippo Brunelleschi besichtigt habe. Well, er hatte gerade mal vier Tage Zeit, um die quer über einen nicht unbedeutenden Teil Europas verteilt lebenden Hip-Paparazzi der damaligen Zeit zu portraitieren. So spielte er mit seinem persönlichen Mr Hepper das Spiel Just make him speechless: «Weiß nich, Architektur ist eigentlich nicht so mein Ding, aber das Eis hier macht einen ganz guten Eindruck.»

Könnte es sein, daß sich unsere Leser gerade fragen, was dieser überflüssige Exkurs ins Selbstreferentielle soll? Aber, so entgegnen wir unterrichtend: «So geht nunmal Modefotografie: Ignoriere die Wünsche Deines Klienten und inszeniere Dich selbst!»

Jochen Siemens schreibt: «Noch zählt Walker nicht zu den ganz Großen, noch sitzen Fotografen wie Steven Meisel oder Nick Knight an den Hebeln der fotografischen Trends (…)» Das ist von ihm fein beobachtet. Und auch wenn wir das oben abgebildete Werk aus der fotografischen Feder Tim Walkers für überdurchschnittlich erachten, so kann ein ausgedehnter Besuch seiner Website nur einen Eindruck beim Betrachter hinterlassen: ziemlich viel Mittelmaß. Über Walkers Bilder schreibt Siemens: «Wie einen Kindertraum baut Walker manche seiner Bilder so akribisch zusammen, dass sie aussehen wie eine Szene aus “Alice im Wunderland” oder “Harry Potter”, visuelle Metaphern, die im Kopf des Betrachters die Erinnerungen an die Zeit der Kinderbücher, die unter der Decke gelesen wurden, wiedererwecken.» Das wiederum ist unfein beobachtet, denn diese Vergleiche sind unzutreffen, da Walker nicht dauerhaft auf dem von Siemens assoziertem Qualitätsniveau arbeitet. Unabhängig davon müssen wir uns schon fragen, welche Bücher Jochen Siemens während seiner wichtigen Prägephase da unter der Bettdecke las…

Ach ja, Tim Walker war auch Assistent bei Richard Avedon: «Walker erzählt das ein wenig mit schmalen Worten, ja, Avedon war ein Herrscher, und alle anderen waren Sklaven. Einmal, Walker hatte das Licht nicht schnell genug eingestellt, sei der Mann durchgedreht, “er hat alles fallen lassen und mich angeschrien, ich hab den Krach noch heute im Ohr”, sagt Walker und verzieht das Gesicht.» Der Arme, er verzieht das Gesicht. Wie schrecklich! Da muß jemand echt gelitten haben. Well, Mr Siemens, just to keep you perfectly informed: Die amerikanische Starfotografin Annie Leibovitz beschäftigt für gewöhnlich vier Assis gleichzeitig. Es muß so Mitte der 1990er Jahre gewesen sein, da wurden innerhalb von einer Woche gleich zwei Assistentenstellen im Hause Leibovitz frei: Der eine Assi sprang aus dem Fenster und der andere erlitt einen Herzinfarkt. Aber: «Angebrüllt.» Und: «Diesen Krach immer noch im Ohr haben.» Certainly Sir, that’s quite shöcking, isn’t it?

Und Jochen Siemensens Schreibe merkt man leider an, daß sich der von der Chefredaktion schon vor Jahr und Tag verordnete Schreibstil erbarmungslos durch sämtliche Ressorts zu ziehen hat.

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