ADC-Festival 2012: «Kriegsberichterstattung aus dem Land des knappen Geldes»

15 May

Auf dem diesjährigen ADC-Festival ist Geld das ganz große Thema. Befindet sich die Kreativität im Würgegriff international agierender Finanzhaie?
Oder sind es einfach nur mal wieder die Mandeln?
Meerschweinchenreport geht dieser Frage auf den Grund.

Gerade mal ein Jahr ist es her, seit dem letzten ADC-Spitzenkräftegipfeltreffen – und nun folgt schon das nächste. In einer immer schnelllebigeren Zeit nur allzu konsequent. So bewegen auch wir uns einmal mehr in Richtung Halle 5 des Frankfurter Messegeländes, um allen zu zeigen, daß sich der unbeschreiblich unbestechliche Meerschweinchenreport nach wie vor regt und seine Texte pflegt.

Zu selbstreferentiell? Nein. Wer sich auf Blick-, Sprach- und womöglich sogar Körperkontakte mit waschechten Vollblutwerbern vorzubereiten hat, der sollte sich vorab mit ihrem Selbstverständnis aus der intellektuell unbequemen Ich-Perspektive hinreichend auseinandersetzen. Wir tun das.

Durch immer knapper bemessene Topkreativenhonorare droht die Unterernährung. Das Gegenmittel: Meditieren, meditieren, meditieren – bis die Tischplatte durch das Gehirn gewachsen ist. Nur fünf Minuten auf dem ADC-Holodeck und die Patienten fühlen sich anschließend wie neugeboren.

Und zwar mit dem größten Vergnügen. Denn wie stellt das Vorstandsmitglied Hans-Peter Albrecht (ADC) doch so hübsch und treffend fest: «Der ADC ist eine unglaubliche Institution. Er vereint 560 Egoisten – und es funktioniert.» And, most importantly: Er trägt dasselbe T-Shirt, das er schon anläßlich der President’s Lecture von Sir John Hegarty im Hause Berlin School of Creative Leadership trug. Professionell wie wir sind, sprechen wir ihn darauf an. Versuchsergebnis: Der Mann ist glücklich, hat Spaß mit sich selbst; bei ihm ist von Schmerz weit und breit nichts zu spüren.

Damit hatten wir nicht gerechnet. Hm. Gibt es etwa einen unterbewußten und somit unfühlbaren aber dennoch existenten Schmerz, der die ADC-Themenwahl «Geld» trotzdem legitimieren würde – so wie Gottfried Benn etwa über die Existenz des unterbewußten Glücks nachdachte? Falls ja, so dürfte Geld doch überhaupt kein Thema sein. Ist es aber. Und über Glück wird seit einiger Zeit auch an jeder Ecke philosophiert. Gibt es also doch kein unterbewußtes Glück? Oder ist das unterbewußte Glück in persona so unglücklich über seine Schattenexistenz, daß es in das Unterbewußtsein des Menschen immer und immer wieder eindringt und es dazu nötig, in aller Öffentlichkeit über das Glück nachzudenken, damit es sich selbst auch mal im Lichte der Medien sonnen – und endlich auch mal glücklich sein darf? Und schließlich: Besteht zwischen Glück und Geld möglicherweise doch ein noch genauer zu definierender Zusammenhang? Wir werden es herausfinden. Vielleicht nicht heute. Aber wir werden es.

Die wahren Avantgardisten sind die, die ihrer Zeit so weit hinterherhinken, daß sie ihr schon wieder meilenweit voraus sind: So wie Diogenes einst in seiner Tonne, so macht es sich dieser Kreative auf einem Sitzsack im Schutze einer sorgfältig verarbeiteten Tischplattenunterseite gemütlich – und beobachtet verständnislos das geschäftige Treiben. Diogeneses Idee war denkbar einfach: Wenn alle Menschen arbeiten, um so viel Geld zu verdienen, daß sie nie wieder würden arbeiten müssen, so sei es doch wesentlich konsequenter – und auch effizienter –, von vorne herein nicht zu arbeiten.

So kritzelte es denn auch konsequenterweise ein Ideengeber- und -brütler auf die ADC-Ideenwand: «Geld ist die Idee von gestern.» Aber ist sie das wirklich?

Kein Wunder, daß den Regierenden seit Diogenes der Gedanke, daß das Volk genug Zeit zum Nachdenken haben könnte, mehr als nur einfach ein Dorn im Auge war. Die Nazis propagierten erfolgreich: «Müßiggang ist aller Laster Anfang.» Ein seltsamer Sinnspruch, der sich erfolgreich bis in die meisten Gehirne der heutigen Generation durchgefräst hat. «Ora et labora» nannte die Kirche bereits ihr Haltet-die-Schäfchen-vom-Denken-ab-Programm. Und falls solche einfachen Rezepte nicht ausreichten, wurde mal eben ein fremdes Land unter Beschlag genommen, um von innenpolitischen Problemchen abzulenken.

Die ADC-App kommuniziert mit seinen geldkranken Patienten durch vom menschlichen Auge kaum wahrnehmbare Leuchtintervalle. «Das Leben ist schön. Das Leben ist rosa. Das Leben ist ADC!» morst das Hightech-Taschentelefon – und der zu Gesundende genießt die heilende Wirkung plötzlich aufkeimender Regungslosigkeit.

Auch auf dem Holo-Holodeck der beiden hessischen Ministerien für Wirtschaft, Verkehr und Landesentwicklung sowie für Wissenschaft und Kunst sind die Festivalsbesucher der Wirkung einer kontinuierlichen Glücksbehandlung in wohltuender- und kostenloser Weise ebenfalls konsequent ausgesetzt.

Aber wie hält man Menschen vom Nachdenken ab, wenn Sie mit Arbeiten nicht mehr ruhig zu stellen sind, weil es immer weniger Arbeit zu verteilen gibt? Und wie fällt man in fremde Länder ein, wenn das In-fremde-Länder-einfallen für Staatschefs auch immer risikoreicher wird? Richtig! Eine neue große mediale Beruhigungspille Marke iPhone mit seinen Millionen von Apps muß her. Das große Gesamtziel: Dem Menschen sämtliche Tätigkeiten, für die er normalerweise sein eigenes Gehirn einsetzt, durch den Ersatz sogenannter App-Funktionen abzunehmen.

Erste Erfolge konnten bereits verbucht werden: So fuhren mehrfach Trucker mit ihren Vehikeln in den Straßengraben oder sogar in einen parallel zur Straße verlaufenden Fluß, nur weil sie ihr Navigationsgerät aus einer nicht nachvollziehbaren Laune heraus dazu aufforderte: «Jetzt rechts abbiegen!» Der Endsieg wäre erreicht, wenn dem Menschen der Gebrauch des eigenen Gehirns so fremd geworden ist, daß er es sich aus eigenem Wunsch herausnehmen läßt, um den freigewordenen Platz sinnvoller zu nutzen, beispielsweise als Aufbewahrungsort für sein neues iPhone: No brain, no pain.

Wie? Sie können mit unserer düsteren Prognose nichts anfangen? Unter uns: Wir auch nicht. Aber es schreibt sich so schön. Und was den Erfolg von Prognosen angeht, so hat kürzlich die großartige Redaktion von «hr2 – Der Tag» eine sagenhaft gute Sendung mit dem Arbeitstitel «Es wird böse enden: Vom Unfug der Prognosen» kreiert. Wir sprechen explizit eine Download-Empfehlung aus.

Kein Zweifel: Die gesamte Weltbevölkerungsgesellschaft steht vor einem riesigen Umbruch. Nur der Club of Rome nicht. Der düsterlt munter weiter vor sich hin, so als ob es kein Morgen gäbe. Um zu eroieren, welchen «Morgen» es diesmal betreffen könnte, finden überall auf dem ADC-Kongress eilig einberufene «Mobile Runde-Tisch-Gespräche» statt. Meerschweinchenreport tipt auf die Montag- möglicherweise aber auch Freitagmorgende, die in absehbarer Zeit aufhören werden zu existieren. Schade eigentlich.

Doch weiter im Kontext: Steuert unsere globale Gesellschaft tatsächlich einer Lebensform entgegen, so wie sie H.G. Wells in seiner Zeitmaschine beschrieb? Oder doch mehr so, wie es eine Sequenz aus dem Walt-Disney-Streifen WALL-E darstellt: Überfettete Menschen, die jegliche Körperbewegung unfähig zu Vollziehenden, schweben auf aufblasbaren Gummi-Donuts über das Deck eines Gigakreuzfahrt-Liners, vertilgen Super-Size-Me-Portionen an Fastfood; und der einzige emotionale Höhepunkt des Tages besteht darin, daß «Rot ist jetzt blau» über die Lautsprecheranlage erklingt, worauf sich alle rote Flächen in blaue verwandeln. Brauchen solche Kreaturen eigentlich noch Geld? Und wer wäre in einer solchen Welt für die Werbung verantwortlich? Oder wird es doch eine Mischung aus den literarischen Prognosen der beiden Herren George Orwell und Aldous Huxley geben, nur alles noch viel bunter, noch viel toller und noch viel spaßiger? Wenn man sich das Treiben der Herren Facebook, Google & Friends ansieht, so ist auch das durchaus vorstellbar. Oder, und auch das ist unserer Ansicht nach nicht gänzlich auszuschließen: Bleiben wir zukünftig alle zu Hause, weil ein revolutionäres Gen-Patent entwickelt wurde, das es uns erlaubt, morgens zum Frühstück unsere eigenen Gliedmaßen zu verspeisen, weil sie noch am selben Nachmittag wieder vollständig nachgewachsen sein werden? Well, zumindest das wird ein engagierter EU-Kommissar rechtzeitig zu verhindern wissen…

Der ADC sagt: «Ideen sind das Geld von morgen. Deshalb wird ein Tragebeutel, in dem Ideenprodukte spazieren geführt werden, automatisch zu einem Geldbeutel» Die Polizei vertritt jedoch immer noch die Auffassung, daß es ganz schön fahrlässig ist, sein Geld so offen und ungeschützt mitsichzuführen. Vielleicht sollte man beide Parteien mal zu einer Podiumsdiskussion einladen…

Mal was Grundsätzliches zum Thema Geld: Wir alle kennen das Spiel Monopoly? Klar. Es geht so aus, das am Schluß einer immer alles hat, und alle anderen nichts. Dann wird ein neues Spiel angefangen – und alle haben wieder dieselben Startvoraussetzungen. Solche Vorgänge hat es auch schon in der ganz realen Menschheitsgeschichte mehrfach gegeben, nur daß dabei unangenehme Begleiterscheinungen mit einhergingen; beim letzten Mal waren beispielsweise zwanzig Millionen Tote zu verbuchen. Wäre es also nicht schön und sinnvoll, zur Abwechslung mal zu einem möglichst frühen Zeitpunkt unvermeidbare Entscheidungen zu treffen und die daraus resultierenden Maßnahmen einzuleiten, da es dem gros der Bevölkerung noch nicht nötig erscheint, sich dabei auch noch gegenseitig die Fresse polieren zu müssen?

Wir fragen das ideologisch ganz unverbohrt, haben weder sozialistische, kommunistische oder imperialistische Thesen als hehre Ideale im Sinn. Grundsätzlich ist Geld etwas sehr Schönes. Man kann sich davon einen Kühlschrank kaufen. Oder ein neues Lattenrost fürs Bett. Außerdem sähe unsere Redaktionsyacht mit einem Mahaghonifußboden konsequent schicker aus. Ohne Geld lassen sich solche Anschaffungen erfahrungsgemäß leider nicht realisieren. Allerdings ist es auch nicht so schön, als Wohlhabender zum Einkauf weite Teile des Stadtgebietes mit einem Helikopter überfliegen zu müssen, weil man andernfalls Gefahr liefe, überfallen, ausgeraubt oder gar gelyncht zu werden.

Schon John F. Kennedy wußte: «Wenn wir den Ärmsten in unserer Bevölkerung nicht eine Mindestmaß an Einkommen zusichern, das ihnen erlaubt, ein ganz normales Leben zu führen, so werden die Reichen weder ihr Eigentum noch ihr Leben mit keinem Geld dieser Welt schützen können.» Was auch immer die Kennedys waren, oder auch nicht waren, mit Sicherheit waren sie jedoch keine Kommunisten.

Sind Wolken die geldgesegneten Segel der kreativen Vernunft von morgen?
Eine Frage, die uns zur Abwechslung mal nicht interessiert.

Irgendwie sind «Gott, Hammer & Co.» dieses Jahr das ganz semi-große Thema: In einem aufwendigen Hornbach-Spot im Look der (goldenen) 1920er Jahre baut Noah seine Arche und die Hochschule RheinMain textet martialisch in direkter Nachbarschaft von möglicherweise noch zu zertrümmernden Paradiesäpfeln und unter der akribischen Aufsicht von Prof. Rüdiger Pichler: «Du mußt herrschen und gewinnen», «Du mußt steigen und sinken» bzw. «Du mußt zuschlagen und heulen». Vielleicht haben wir nur deshalb noch keine ernstzunehmende Revolte auf der Straße, weil die vielen Unzufriedenen ihre Aggression und ihren Frust heimlich beim Eigenheimfreislern abbauen und wegflennen. Aber, ähm räusper, wollten wir nicht eigentlich mehr weg vom Krieg und dafür mehr hin zur hippen, schicken Üper-Hüper-App mit eingebauter Glücksgarantie?

Der Referent auf dem ADC-Holodeck weiß ganz genau: «Über Geld spricht man nicht. Geld hat man.» Aber er sagt es nicht. Stattdessen reflektiert er darüber, daß der Mensch mit ca. 20 Jahren körperlich ausgewachsen sei, diese Körpergröße bis etwa zu seinem 65. Lebensjahr beibehalten werde – und dann langsam zu schrumpfen beginne. Aber, so führt der Weitsichtwissenschaftler aus, auch da fühle sich der Mensch noch mächtig und prächtig. Und so verhalte es sich – das ist seine begnadete Schlußfolgerung – derzeit mit unserer globalen Wirtschaft auch. Grund zur Panik gäbe es also keine.

Wer so viel durchreflektierte Weißheit zu versprühen weiß, dem bleibt das Schicksal, in seinem nächsten Leben als Spraydose wiedergeboren zu werden, schlicht erspart.

Was uns ein bißchen am diesjährigen ADC-Festival irritiert, ist, das ein Thema gewählt wurde, das man in dieser Form eigentlich nicht öffentlich thematisieren sollte, es sei denn es geht um die Erhöhung des Entwicklungshilfe-Etats der Bundesregierung: Geld. Denn wer öffentlich über mangelnde Bezahlung klagt, der ordnet sich selbst der Gruppe von Erfolglosen zu. Und mit denen will niemand etwas zu tun haben. Jedenfalls keine vom Erfolg Gesegneten. Und: Darf man von Führungskräften, die immer noch ihre geschätzten 30.000,- bis 40.000,- Euro im Monat an Gehalt einstreichen, nicht erwarten, daß sie in der Lage sind, ihren Kunden klar zu machen, daß Qualität immer noch anständig zu bezahlen ist? Oder müssen wir erst George Bernhard Shaw bemühen? Er stellte fest: «About quality you are worried only once – when you pay. About mediocrity every day.»

Mit der Qualität und dem Geld ist das allerdings schon immer so eine Sache gewesen. War die KLF-Aktion, am 23. August 1994 auf der schottischen Insel Jura genau eine Million Pfund Sterling verbrannt zu haben, eine qualitativ gehaltvoll Performance – oder eher weniger? Fakt ist, daß es eine Menge Wohltätigkeitsorganisationen gegeben hätte, die genau gewußt hätten, wo man das Geld sinnvoller hätte einsetzen können. Fakt ist aber ebenso, daß es Bill Drummond und Jimmy Cauty zunächst um eine Geldausstellung ging, die jedoch von verschiedenen Ausstellungshäusern, u.a. auch von der Tate Gallery, abgelehnt wurde, wodurch sich die beiden Egozentriker möglicherweise emotional in die Enge getrieben fühlten – und eine der bemerkenswertesten Trotzreaktionen in der Geschichte menschlicher Trotzreaktionen durchführten: sie verbrannten tatsächlich ihr letztes Geld: eine Million Pfund Sterling. Jeder spätere Versuch, die aschlichen Überreste zu einem einzigen Ziegelstein zusammengefaßt und komprimiert für eben jene eine Million Pfund Sterling als Kunstobjekt an einen potenten Sammler zu verkaufen, schlug fehl.

Hat man als Rezipient erst einmal die verschiedenen Stadien der Kunstreflexion in dieser Sache durchlaufen, so steht am – zumindest unserem vorläufigen –Kunstreflexionsendergebnis fest, daß diese Performance eines verdeutlicht: Die einen sehen in Geld lediglich ein Mittel zum Zweck, für andere wiederum ist Geld nichts als Selbstzweck.

Und so sind wir dem Art Director’s Club dann doch dankbar für die Themenwahl, da sie es uns erlaubt, nicht vorwiegend über Werbung oder Gestaltung sondern primär über das Pekuniäre nachzudenken. Deshalb interessiert uns eigentlich nur die Beantwortung einer einzigen Frage: Warum war dem vorstehend beschriebenen «Geldbeutel» eigentlich kein auf das Haus des Hauptsponsors bezogenes Sparbuch mit einem Startguthaben von, sindwirmalgroßzügig, Euro 100,- pro Kopf und Nase beigefügt? Oder war es das tatsächlich? Wir haben den Beutel nicht untersucht, geschweige denn einen angefordert. Aber jetzt, da uns der Gedanke kommt: Wir hätten gerne auch so einen «Geldbeutel»! Falsch: zwei!! Nein, drei!!! Quatsch: vier!!!! Wobei: Sind wir nicht fünf Redaktionsmitglieder? Unter Miteinbeziehung unserer ehemaligen Lieblingsvermieterin sind wir sogar zu sechst!!!!!!

Es ist das Vorrecht rebellischer Jugend, in der Öffentlichkeit als gelduninteressiertes, widerspenstiges Etwas wahrgenommen zu werden. Hier das Kommunikationsprinzip Totale Verweigerung im Schafspelz der vorgespiegelten Systemkritik: «Schaut nicht auf das, was Euch kaputt macht!» Vielleicht ist es aber auch mehr die hinterfragende Nummer: «Hat nicht jeder Mensch irgendwie einen Balken im, am oder zumindest vorm Kopf?» Möglicherweise handelt es sich aber auch um einen Appell an das menschliche Unterbewußtsein, zukünftig weniger Bäume zu fällen. Wir wissen es, ehrlich gesagt, nicht so genau.

Verkaufsförderung aktiv: Wer ein Nobelautomobil an einen Nobelkunden verkaufen möchte, der kann sich besonders glücklich schätzen, wenn er dabei ein Mannequin zum Einsatz bringen kann, dessen kraftvolle Körpersprache überzeugend zu vermitteln vermag, daß es beim Erwerb eines fahrbaren Untersatzes eigentlich um ganz andere Dinge geht.

Durch die sich weltweit verändernden Finanzsituationen im Sekundentakt drängt es viele in den Kunstmarkt, auch wenn sie dafür nie studiert haben. So beispielsweise auch den schweizer Ausnahmekünstler Josef Ackermann, der mit seiner intellektuell gehaltvollen Skulptur «Anton Stankowski meets Ellsworth Kelly» brilliert. Sotheby’s schätzt den Wert des kürzlich erst entstandenen Exponates auf mehrere Millionen Pfund Sterling. Damit blieb die Einschätzung der Kunstsachverständigen allerdings deutlich hinter der Erwartung Ackermanns zurück, wobei dieser es gelassen nimmt, konnte er doch schon in der Vergangenheit souverän zeigen, daß er Schicksalsschläge dieser Art gut wegstecken kann.

Bleiben wir noch für den Hauch einer Zeiteinheit bei der Kunst: Jüngst ging «Der Schrei» von Edward Munch in New York bei Sotheby’s für sageundschreibe $ 120m über die Theke. Das beeindruckt die kreative Jugend von heute natürlich schon irgendwie – und so fühlt sich verständlicherweise manch einer von ihnen zur Nachahmung eingeladen. Ob die hier dargebotene Arbeit «Der Geld-Schrei» allerdings eine ähnlich hohe Summe zu erzielen vermag? Das Gesicht des Auktionators (rechts neben der Arbeit) scheint die Antwort bereits zu kennen.

Während unserer Recherche begegnen wir auch dem Jury-Vorsitzenden Hartmut Esslinger von der legendären Designschmiede Frogdesign bzw. von design mind. Er möchte aber nicht zwingend und schon gar nicht gerne fotografiert werden. «Da sind zu viele Fältchen unterwegs» sagt er und grinst vielsagend. Entgegen seiner eigentlichen Erwartung beherzigen wir seine Bitte und verwickeln ihn stattdessen in ein kurzes Gespräch:

Hamlet Hamster
Wie? Ist Ihnen etwa Ihre Hormocenta ausgegangen?

Hartmut Esslinger
Wie? Placenta? (er grinst)

Hamlet Hamster
Hor-mo-cen-ta! Marika Rökk machte einst Werbung für sie. Eine Antifaltencrème. Außerdem sang sie «Ich brauche keine Millionen. Mir fehlt kein Pfennig zum Glück. Ich brauche weiter nichts, als nur Musik, Musik, Musik, Musik.» Eigentlich DIE große ADC-Festivals-Hymne für dieses Jahr. Ma-ri-ka Rökk! Das müßte so Ihre Generation sein. Erinnern Sie sich nicht mehr?

Hartmut Esslinger
(dann doch etwas irritiert)

Hamlet Hamster
Mal was ganz anderes: Auf einer der vielen Schrifttafeln steht zu lesen: «Gestalter sind die Vitamine der Zukunft». Bisher sind wir immer felsenfest davon ausgegangen, daß der Gestalter so eine Art Freinrippunterhemd in einer barock anmutenden Waschmaschinenladung darstellt, also, um es konkreter zu formulieren, daß das Feinrippunterhemd sozusagen als der Otl Aicher unter den barocken Unterhemdbekleidungsmöglichkeiten für Herren anzusehen ist – womit im logischen Umkehrschluß der Gestalter bzw. speziell Otl Aicher in Gleichnissen eher als Feinrippunterhemd denn als Vitaminpille zu bezeichnen wäre. Haben wir in der Vergangenheit da etwas falsch verstanden, oder sind die Zeiten, in denen wir jetzt leben, schlicht andere geworden?

Hartmut Esslinger
Sehen Sie, ich habe es eilig. Verstehen Sie mich nicht falsch. Das ist ein interessanter Gesprächsansatz. Ich muß aber jetzt weg. Können wir uns übermorgen wieder treffen. Nach der Preisverleihung vielleicht? Das käme mir sehr entgegen.

Hamlet Hamster
Herr Prof. Esslinger, alles, was wir in Erfahrung bringen wollten, haben wir in Erfahrung gebracht. Wir bedanken uns bei Ihnen recht herzlich für das spontane Kurzgespräch und wünschen Ihnen für die Zukunft nur das erdenklich Beste!

Mit den Gestaltern ist es doch immer wieder das Gleiche: Kaum einer von ihnen ist bereit, sich spontan auf pseudo-logisch klingenden Schwachsinn einzulassen. Und von denen, die es tun, haben am Markt die meisten bedauerlicherweise keinen Bestand. Hätte er doch wenigstens «Wenn das so ist, dann ist aber Max Bill viel mehr Feinripp als es Otl Aicher jemals gewesen ist», oder so, vor sich hin gemurmelt, wir wären entzückt gewesen, ihm die vollen 100 Punkte zuzugestehen. Aber so?

Aber so können sich Herr Prof. Hartmut Esslinger entspannt zurücklehnen, da das vorstehende Gespräch in Wahrheit nie stattgefunden hat.

Wo waren wir eigentlich nochmal stehen geblieben? Ach ja, beim lieben Geld. Gab es eigentlich jemals eine einzige Situation in der Geschichte der Menschheit, da es sich in letzter Konsequenz nicht um das geschätzte Zahlungsmittel drehte? Und wird es jemals eine Situation in der Menschheitsgeschichte geben, in der das nicht der Fall sein wird? Hm?

Auch ein Weg, eine sparsamere Lebensweise zu propagieren.

Schließlich und endlich kommen wir nicht umhin, festzustellen: Wenn die derzeit angebliche Geldknappheit dazu führen sollte, daß Werbeleute von bestimmten Unarten aus dem Reich der unbestimmten Lebensführung endgültig Abschied nehmen, so hätte das möglicherweise genau den Vorteil, daß mit den dadurch wiedererlangten Zugängen zu längst totgeglaubten Gehirnregionen und -kapazitäten die Qualität von Kommunikationsvorschlägen steigen wird. Vorstellbar ist das.

Einerseits. Andererseits sollte aus dieser Annahme kein Automatismus erwachsen, denn der hier gegenständliche Entwurf ist nur scheinbar gut, so wie Seniorenprodukte, die von so-called Twenty-Somethings entwickelt wurden, die man zuvor (hoffentlich gegen ihren Willen) in einen sogenannten Alterungssimulationsanzug gezwängt hat, eben nur bedingt gut sein können. Auf dem Titelbild sind beispielsweise keine Krücken sondern ganz normale Spazierstöcke abgebildet, die von Vertretern quer durch sämtliche Altersgruppen, beispielsweise bei Gebirgswanderungen, genutzt werden.

Außerdem ist das Magazin «Die Krücke» so in den Gehstock eingespannt, daß es auf dem Kopf hinge, würde das Gesamtwerk dem potentiellen Leser korrekt am Haken hängend präsentiert. Dem Prinzip «Form Follows Function» folgend, können Produkte für Senioren nur von Senioren entwickelt und gestaltet werden. Das hat u.a. etwas mit der entsprechenden Lebenserfahrung zu tun, die in den Produkten mitzuschwingen hat. Auch würden von Senioren gewöhnliche Spazierstöcke sprachlich nicht mal eben zu Krücken umgeformt werden.

Alles in allem war es ein nützliches und informatives Werbe-Festival, wobei wir es lieber gesehen hätten, der ADC würde sich mehr für die Interessen von Erdbeeren engagieren, damit diese in ferner oder naher Zukunft nicht irgendwann einmal vom Aussterben bedroht sein werden. Wobei wir Birnen und Kirschen als ebenso schützenswert erachten. Keine Frage. Wir erwarten, daß der ADC mal in diese Richtung denkt und uns in absehbarer Zeit unaufgefordert ein entsprechendes Exposé mit zu ergreifenden Maßnahmen vorlegt. Schließlich sind wir ja gar nicht so, man kann mit uns über alles reden.

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Sensibles Thema. Deshalb keine Kommentarmöglichkeit.
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  1. ADC-Festival 2012: «Ils sont passés notre rédaction virtuelle» « meerschweinchenreport - May 17, 2012

    […] Auf dem diesjährigen ADC-Festival war Geld das ganz große Thema. Befindet sich die Kreativität im Würgegriff international agierender Finanzhaie? Oder sind es einfach nur mal wieder die Mandeln? Meerschweinchenreport geht dieser Frage auf den Grund. […]

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