Fondation Beyeler: «Carl Laszlo im Gespräch mit Hans Ulrich Obrist»

4 Aug

Foto von unserem Redaktionsfotografen Andreas Baier

Am 7. Mai 2012 vollzog sich im Hause der Fondation Beyeler einer der seltenen öffentlichen Auftritte Carl Laszlos. Im Gespräch mit Hans Ulrich Obrist, dem derzeitigen Co-Director der Serpentine Gallery in London, gewährt der gebürtige Ungar einen tiefen Einblick in seine faszinierende Lebensgeschichte als Kunstsammler, Galerist, Verleger und Philosoph.

Während des Zweiten Weltkrieges wurde der damals 20-jährige Carl Laszlo deportiert. Seine Familie wurde zum großen Teil ermordet. Er selbst überlebte Auschwitz, Buchenwald und den Weitertransport nach Dachau. Über diese Zeit berichtet er in seinem Buch «Ferien am Waldsee», das seinen Titel dem Umstand schuldet, daß alle Deportierten vom Konzentrationslager aus ihren Verwandten eine Postkarte zu schicken hatten, die den Poststempel «Ferien am Waldsee» trugen.

Nach Kriegsende, im Herbst 1945, zog Laszlo zunächst nach Basel, später dann nach New York, auch reiste er quer durch Asien. Er schloß Freundschaften mit Künstlern wie Andy Warhol, Roy Lichtenstein, Robert Rauschenberg; aber auch mit dem Dalai Lama sowie mit dem Schriftsteller William S. Burroughs, in dessen Bunker sie beide gemeinsam mit Warhol eine Woche lang bizarre Schießübungen jener Gestalt vollzogen, bei denen einst William S. Burroughs seine Ehefrau am 6. September 1951 in Mexiko-Stadt aus Versehen erschoß, als er im Zustand vollkommener Trunkenheit die Apfelszene aus Schillers Drama Wilhelm Tell nachstellte. An diesem Orte (im Bunker) drohte Laszlo zudem, an einem unglücklich verschluckten Fleischstückchen zu ersticken. Sein Privatsekretär rettete ihn jedoch in letzter Sekunde. Später notierte er, daß es sich in seinem weiteren Leben wahrscheinlich nie wieder eine bessere Gelegenheit finden werde, in einer solch’ illusteren Runde und formvollendeter Weise den Löffel abzugeben, als es hier der Fall gewesen wäre.

Außerdem ließ er es sich nicht nehmen, bei dem berühmten Psychoanalytiker Léopold Szondi die Geheimnisse der Psychoanalyse zu studieren.

Er baute sich eine Sammlung auf, die u.a. Werke von René Magritte, Otto Dix, Andy Warhol und Salvador Dalí umfaßt. Seiner legendären Kunstzeitschrift Panderma lagen immer wieder signierte Originalarbeiten damals junger unbekannter Avantgardisten bei, so zum Beispiel auch ein jeweils signiertes Stück Tapete von Piero Manzoni; serielle Unikate, die es inzwischen vermögen, auf dem internationalen Kunstmarkt fünfstellige Verkaufserlöse zu erzielen.

Als Pressefoto für sein Gespräch entschied sich Carl Laszlo für eine Aufnahme, die unser Redaktionsfotograf Andreas Baier von ihm Mitte der 1980er Jahre während der Art|Basel an seinem Stand machte. Hier ist besagte Presseerklärung inklusive Foto vom Portal der Fondation Beyeler herunterladbar. Carl Laszlo war auch jahrelang der Mentor unseres Redaktionsfotografen, von dem er gerade auch in Bezug auf gesellschaftliche Verhaltensmechanismen sehr viel lernen konnte. Für diese Wissensvermittlung ist er ihm auch heute noch sehr dankbar.

Hans Ulrich Obrist gilt in Kennerkreisen als der Grundsteinleger des heutzutage weltweit agierenden Kuratorenwesens. Bereits als damals 18-jähriger kuratierte er viel beachtete Ausstellungen. Obrist ist ebenfalls für seine Interviews mit Kunstschaffenden, Schriftstellern, Architekten, Musikern und Wissenschaftlern bekannt, die er in «Interviews: Vol. 1 & 2» veröffentlichte. Im Rahmen seiner Bücherserie «The Conversation Series (Hrsg. Walther Koenig)» kam es beispielsweise auch zum qualifizierten und auf intellektueller Ebene durchaus unterhaltsamem Meinungsaustausch mit Yoko Ono, Zaha Hadid, Jeff Koons und Philippe Parreno. Vor seiner Tätigkeit an der Serpentine Gallery war Obrist Kurator beim Musée d’Art moderne de la Ville de Paris und beim museum in progress in Wien. Über 250 Ausstellungen hat Obrist co-kuratiert. Er wurde für seine Arbeit mehrfach ausgezeichnet. 2011 erhielt er den Bard College Award for Curatorial Excellence.

Von dem hier gegenständlichen Gespräch zwischen Carl Laszlo und Hans Ulrich Obrist kann man sich zwei Ausschnitte vom Portal der Fondation Beyeler herunterladen (1 + 2), oder sie sich hier auf dieser Seite nachfolgend gestreamt zu Gemüte führen:

Desweiteren gibt es auf myspace (ja, dieses Portal gibt es tatsächlich noch) zwei Tom-Gomor-Filmchen über den heute 89-jährigen Carl Laszlo zu sehen: 1 + 2.

Einen wahrlich lesenswerten Artikel über Carl Laszlo gibt es im art-magazin nachzuschlagen. Ein kleiner Auszug: «Carl Laszlo läßt sich ein neues Glas kalorienfreien Himbeersaft servieren und zündet sich seine zwölfte Havanna in Folge an. Nach ein paar tiefen Zügen springt er unvermittelt auf und bahnt sich – vorbei an Gemälden und Skulpturen – einen Weg zum Garten. “Ich habe eine wahnsinnige Idee“, sagt er und lehnt sich an ein altes Honda-Motorrad, das in einem nachgebauten burmesischen Tempel aufgebockt ist. “Wenn ich kein passendes Museum finde, werde ich in Ungarn ein großes Gebäude kaufen und meine komplette Sammlung darin einmauern lassen. Dieses mit Wachhunden und Alarmanlagen gesicherte Kunstmausoleum darf erst in 50 Jahren wieder geöffnet werden.“»

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