Religion: «Das Wunder von Saragossa – oder: Wer ist wer? Und was ist was?»

8 Sep

Elijah Garcia Martinez: «Ecce Homo»

Das mit der Wahrnehmung, insbesondere der menschlichen, war, ist und wird wohl immer eine ganz spezielle Baustelle sein und bleiben. Der aktuelle Anlaß, uns mal wieder darüber so unsere Gedanken zu machen, ist mit einem unter kunstgeschichtlichen Gesichtspunkten eher unbedeutendem Fresko verbunden. Es ist ca. 120 Jahre alt, es hört auf den Namen Ecce Homo, es wurde vom Künstler Elijah Garcia Martinez erstellt, es ist vorstehend abgebildet – und wurde nun eigenmächtig, allerdings angeblich mit dem Segen des Gemeindepfarrers, weil immer weiter verfallend, von Cecilia Jimenez einfühlsam und in der allerbesten Absicht restauriert. So sieht es zumindest die selbsternannte Freskoretterin. Der Rest der Welt sieht das anders. Nachfolgend ist das Ergebnis ihrer künstlerischen Bemühungen zu sehen:

Cecilia Jimenez: «Ecce Homo Reloaded»

Den Gesetzmäßigkeiten sowie der Logik sich selbstverbreitender Nachrichten im Internet folgend (Daily Mail Online), nimmt es nicht sonderlich Wunder, daß die Kirche Sanctuary of Mercy in Saragossa in kürzester Zeit zum begehrten Wallfahrtsort avancierte:

Tourists flock to see the damaged 19th century Ecce Homo fresco (right) by artist Elias Garcia Martinez at the Santuario de Misericordia de Borja Church, at Borja in Spain’s Aragon region. (Photo via Daily Mail Online)

So sieht sich das über 80-jährige Gemeindemitglied Cecilia Jimenez ob ihres Restaurationsergebnisses mit Häme aus der ganzen Welt konfrontiert. Weder sie noch wir von der Meerschweinchenreportredaktion können das jedoch so richtig nachvollziehen.

Deshalb möchten wir diesem Sachverhalt analytisch begegnen und zunächst das Ergebnis des jüngsten George-Clooney-Ähnlichkeitswettbewerbes unseren Lesern in Erinnerung rufen:

George-Clooney-Ähnlichkeitswettbewerb 2012

David James Glendon setzte sich souverän gegen 782 Mitbewerber durch und durfte als Gewinner und überzeugendes George-Clooney-Double im Februar diesen Jahres an den Oscar-Verleihungen in Hollywood teilnehmen.

Wir gehen davon aus, daß sämtliche hier gegenständlichen Ereignisse von Gott höchstpersönlich angeregt bzw. inszeniert wurden. Wir gehen ferner davon aus, daß Gott – nach Albert Einstein – «nicht würfelt»; und sich somit etwas dabei gedacht hat. Ergo: Daß Cecilia Jimenez besagtes Fesko genau soo und nicht anders wiederherstellte, war Gottes Wunsch allein. Er möchte uns Menschen damit aufzeigen, daß wahre Ähnlichkeit, die wahre Nähe zu Christus im Inneren eines Menschen zu finden ist – und nicht auf seiner Oberfläche.

Gibt es einen eindrucksvolleren Beweis für die Existenz Gottes und die Liebe Jesu Christi in all unseren Herzen – egal wie wir aussehen – als durch dieses Ereig- und Gleichnis?

Auch Mr. Bean wurde von Gott in seinem gleichnamigen Film zum überirdischen Gesandten bestimmt, der durch sein Handeln und seine persönliche Interpretation von Ähnlichkeit ebenfalls zum avantgardistischen Wegbereiter dieser besonderen Nachricht Gottes auf unserem Planeten wurde:

James Whistler: «Arrangement in Grey and Black» (1871)

Mr. Bean: «Arrangement in Grey and Black Reloaded»

Aber, da ist noch eine weitere Überlegung, die angestrengt sein möchte: Könnte es nicht sein, daß unsere betagte aber dennoch begnadete spanische Restaurationskünstlerin lediglich einer inneren Stimme, ihrem persönlichen Auftrag Gottes (vgl. Blues Brothers – Teil 1), folgte und die beiden äußerlichen Erscheinungsbilder von Jesus Christus einerseits und der russischen Politpunkband Pussy Riot andererseits harmonisch und einfühlsam miteinander verschmolz?

Schließlich fand der von Pussy Riot inszenierte und von der russischen Staatsmacht bemäkelte Auftritt nicht von ungefähr in einer Kirche statt.

Photo by Igor Mukhin

Einmal diese Idee in der Mitte unseres öffentlichen Bewußtseins verankert, geht sie individuell auf Reisen und nistet sich gottgewollt tief in unseren Herzen ein, von wo aus sie unser Denken und unsere Arme steuert:

Paul Gaugin: Yellow Christ Reloaded

Vorstehend ein Werk von der Website der Beast-Jesus Restoration Society, eine Gesellschaft, die das neue christliche Ähnlichkeitsverständnis mittels artgerechter Methoden adäquat zu propagieren weiß.

Save the New Ecce Homo

Dieses Beispiel haben wir Save the New Ecce Homo entnommen, ebenfalls eine beeindruckende Webinitiative, die es sich zum Ziel gesetzt hat, die Restaurationsarbeit von Cecilia Jimenez zu bewahren – und nicht einer erneuten Übermalung preiszugeben. Einfach das neue Jesusgesicht herunterladen, ausdrucken, über das eigene Gesicht stülpen, fotografieren und dann auf dieser Webpräsenz wieder hochladen, um bekennendes Teil einer neuchristlich religiösen Gemeinschaft zu werden.

So entdeckt jeder für sich individuell die reinigende, heilende Kraft unseres Erlösers in uns selbst wirken, aber auch die der missionierenden Triebfeder kennen, die so auf diesem Wege aus uns allen ein Medium der zu verkündenden frohen Botschaft unseres Herrn Jesu Christi macht.

Perfekter und entspannter kann man sich gelungene Missionsarbeit zu Beginn des 21. Jahrhunderts unter Einbeziehung modernster Kommunikationstechniken nun wirklich nicht mehr vorstellen: Nachfolgend wird die Möglichkeit geboten, sich auf change.org an einer Online-Petitionsaktion zu beteiligen:

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Petition Letter

Greetings,

I’ve just signed the following petition addressed to: Zaragoza City Council.

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Save the new Ecce Homo

Cultural officials in Spain are planning to undo Cecilia Gilmenez’ radical reworking of Elias Garcia Martinez’ clichéd fresco in the Sanctuary of Mercy Church near Zaragoza. We feel this is a huge mistake, as the new work is a cultural treasure and should be preserved. We call on Juan Maria Ojeda and the other Zaragoza city councillors to recognise the new version for the masterpiece it is and take all possible steps to maintain it. One-sided coverage of the issue can be found at http://www.bbc.co.uk/news/world-europe-19349921
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Sincerely,

[Your name]

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Allerdings fragen wir uns, ob als nächster Schritt unbedingt das Prinzip der Inneren Ähnlichkeit mit dem der Äußeren Ähnlichkeit gleichzuschalten sei, so wie es hier auf einem nicht ganz unbekannten Gemälde Leonardo Da Vincis praktiziert wird, da es dem hier gegenständlichen Grundgedanken Gottes signikifant widerspricht (via: New Humanist Blog):

Leonardo Da Vinci: «Last Ecce Homo’s Supper Reloaded»

Aber sind wir Gott, um Gottes Worte und Absichten zu wahren, zu schützen und gar zu interpretieren? Nein, dafür ist ganz allein Papst Benedikt XVI, das irdische Oberhaupt der Römisch-Katholischen Kirche zuständig. Aber daß auch wir von der Meerschweinchenreportredaktion mit unseren bisherigen Ausführungen nicht ganz daneben liegen, zeigen die jüngsten Reaktionen des Vatikans auf eine Titelbildveröffentlichung des Satiremagazins Titanic:

Anstatt für seine Gegner zu beten, so wie es die Religion, der er vorsteht, nunmal vorschreibt, oder gar seine rechte Backe auch noch hinzuhalten, verlor der Papst seine Contenance und beantragte vor dem Landgericht Hamburg ganz irdisch und religiös unvollkommen den Erlaß einer einstweiligen Verfügung auf Verbot für eine weitere Verbreitung besagter Informationsschrift.

Und warum das alles? Weil auch die Titanic-Redakteure sich veranlaßt sahen, etwas gegen das immer mehr und mehr verblassende und brökelnde Papstbildnis (auch in der Öffentlichkeit) zu tun – und ebenfalls als wohlmeinende Restauratoren in Erscheinung zu treten. Auch sie taten ihren Job in der allerbesten Absicht und mit dem Ergebnis, daß das Bildnis Papst Benedikts XVI (auch in der Öffentlichkeit) wieder an Kontur und Farbstärke gewann. Dennoch konnte oder wollte sich das päpstliche Hauptquartier nicht mit den uneigennützigen Bemühungen der Satiriker einverstanden erklären.

Aus Sicht des Satiremagazins bestand allerdings weiterhin Handlungsbedarf und so – auch hier erkennen wir Gottes begnadete Handschrift – überraschte die Titanic-Redaktion den Papst mit einer Kommunikationsmaßnahme nach den Prinzipien der paradoxen Interaktion, die dafür sorgte, daß der Papst urplötzlich nicht mehr wußte, wer nun wer und was nun was ist, und es mit aus den Tiefen seiner religiösen Psyche emporkrabbenlden Angstgefühlen zu tun bekam, welche ihn nach Gewahrwerdung umgehend Gewahr werden ließen, daß es wohl das Beste sei, schleunigst zum Habitus der guten alten christlichen Verhaltenslehren und -weisen zurüchzukehren – und den Antrag auf Erlaß einer einstweiligen gerichtlichen Verfügung vor dem Landgericht Hamburg wieder zurückzuziehen:

So wurden die Titanic-Mitarbeiter zum rechten Arm Gottes, der den Auftrag unseres allmächtigen Herren ausführte, seinen irdischen Vertreter gehörig zu maßregeln, und zwar mit der Kraft des Gleichen im Ungleichen. Und umgekehrt. Hätte der Papst sich nicht von der Oberfläche des Magazins irritieren und fehlleiten lassen und hätte er sich mehr mit seinen inneren Werten auseinanndergesetzt, so gälte er auch heute noch als unfehlbar. Aber ist das die zentrale Frage? Nein, diese Frage lautet nämlich nach wie vor: «Wann hört der Vatikan endlich damit auf, selbstherrlich Kindesmißbrauch in den eigenen Reihen zu protegieren?»

Unter Berücksichtigung und Einbeziehung aller hier von uns vorgetragenden Fakten, können wir nicht anders als zum Ergebnis zu kommen, daß es sich beim «Wunder von Saragossa» um einen ziemlich starken Gottesbeweis handelt, der selbst den u.E. bisher stärksten seiner Art, nämlich «Credo quia absurdum», weit in den Schatten stellt. Oder war es «Cogito ergo sum»? Well, whatever.

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Sensibles Thema. Deshalb keine Kommentarmöglichkeit.
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