Museum Wiesbaden: «FLUXUS IS COMING HOME! – Fluxus-Fans werden selbst zu Digitalkünstlern!»

19 Sep

Typisch «FLUXUS»: Max Beckmann wird großartig plakatiert. Doch lediglich das bescheidene «X» auf den beiden augenscheinlich durchgestrichenen Wegzeichen lassen Rückschlüsse auf die eigentliche FLU«X»US-Ausstellung zu. Aber genau so gehört es sich ja auch schließlich für eine Kunstrichtung, die sich einst sowohl dem Spaß als auch dem Absurden verschrieb.

Wiesbaden, 23. August 2012 – Die musikalische Zerstörung eines Klaviers durch Philip Corner war vor 50 Jahren einer der vielen Höhepunkte der «Fluxus Festspiele Neuester Musik» in Wiesbaden. Zum Jubiläum entwickelte Scholz & Volkmer zusammen mit dem Museum Wiesbaden und dem Kulturamt der Landeshauptstadt Wiesbaden ein interaktives Online-Kunstwerk für Fluxus-Fans in aller Welt.

Entstanden ist die Kunstform Fluxus 1962 in Wiesbaden. Von der später zum Herzstück der Wiesbadener Festspiele deklarierten Performance wußte beispielsweise der damalige Direktor des Wiesbadener Landesmuseums Dr. (Hennes Weis-)Weiler schlicht nichts – und war alles andere als amüsiert. Es war das Stück namens Piano Activities, in dessen Verlauf ein Flügel vor den Augen der geladenen Eröffnungsgäste dermaßen unkonventionell «ge- bzw. bespielt» wurde, bis daß das gute Stück am Ende der Vorstellung bedingungslos kapitulierend in die Knie ging.

Zum 50. Jubiläum wird dieses Stück nun erneut aufgeführt, diesmal jedoch unter dem Motto Piano Interactivities – und unter Beteiligung der weltweiten Fluxus-Fangemeinde.

«Delenda Geländer!» wie es Cato der Ältere einst vor dem Römischen Senat formulierte, weil ihm die Handläufe an den Treppenaufgängen zu spartanisch erschienen und er befürchteten mußte, daß es sein Gast und Freund Hannibal ohne wesentlich solidere Ausführungen mit seinen Elefanten niemals in den ersten Stock zum Tee schaffen würde, ist hier nicht das Postulat.

Die Fluxus-Bewegung machte aus besagtem Elefanten nicht zwingend und direkt eine Mücke, aber immerhin einen stattlichen Flügel, der irgendwie auch im Gedenken an die drei Punischen Kriege nun entsprechend sach- und fachgerecht auch aus dem weltallesken Internet wie eine Mücke zerquetscht werden kann.

Mit den Piano Interactivities kann erstmals jedermann zum Fluxus-Künstler avancieren und seine eigene Performance amtlich an der amtlichen Fluxus-Geburtsstätte aufführen, ohne dafür extra umständlich seine eigene Wohnung verlassen zu müssen: Fluxus kommt nach Hause. Ein Videostream überträgt die Performance live aus dem Museum, in dem die interaktive Piano-Installation aufgebaut ist, ins Internet. Noch bis zum 24. September können Internetnutzer aus aller Welt von Dienstag bis Sonntag – jeweils von 11 bis 13 Uhr und von 16 bis 18 Uhr – ein reales Klavier im Museum Wiesbaden selbst bearbeiten. In Echtzeit steuern die User über die Website die Maschinen wie elektrische Sägen oder eine Axt, die dem Flügel recht unsanft Töne entlocken. Die am Piano angebrachten Werkzeuge sind alle Entwicklungen des Leipziger Künstlers Hannes Waldschütz. Angesteuert werden die Geräte mittels eines Computers, der die User-Eingaben aus dem Netz auf die Elektromotoren der Installation überträgt. Museumsbesucher vor Ort können die Installation auch ganz aus der Nähe erleben.

Dieser Trailer auf YouTube gibt eine Idee davon, wie die Sache in realiter funktioniert. Auch schön, das Wiesbadener FLUXUS-Urgestein Ben Patterson mit einem kurzen Statement zu erleben:

Prägend für das Design der Online-Installation und die Infowebsite sind die Fluxus-Kunst selbst sowie der Look der 1960er Jahre. Zentrales Element sind die für Fluxus typischen Scores – schriftliche, meist auf Schreibmaschine geschriebene, Anweisungen, wie die jeweilige Performance zu performen ist:

And here are jede Menge weitere und sehr schöne Informationen zum besagten Online-Kunstwerk und der Fluxus-Bewegung.

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Nachtrag vom 21. September 2012: Will man in der mutwilligen und möglichst originellen Zerstörung eines Klaviers oder eines Flügels ein Hauptmerkmal von FLUXUS festmachen, so darf dieses britische Schätzchen aus vergangenen Tagen keinesfalls fehlen:

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Sensibles Thema. Deshalb keine Kommentarmöglichkeit.
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