Klaus Staeck: «Arte Postale in Pirmasens»

22 May

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Am Sonntag, den 18. Mai 2014, eröffnet Akademie-Präsident Prof. Klaus Staeck im Forum ALTE POST in Pirmasens die Ausstellung «Arte Postale – Bilderbriefe und Künstlerpostkarten». Die Akademie stellt in Pirmasens nicht nur Kostbarkeiten aus ihren Archivbeständen und Mail Art aus ihrer Kunstsammlung vor, zu sehen sind zudem Künstlerpost aus der Sammlung Staeck, etwa von Joseph Beuys, James Lee Byars, Daniel Spoerri, Christo, Hanne Darboven, Rupprecht Geiger, Keith Haring, A. R. Penck, Sigmar Polke, Emil Schumacher, Wolf Vostell und Andy Warhol. «Arte Postale» bietet mit rund 300 Exponaten ein weites Spektrum und präsentiert, teils in ungewöhnlichen Formaten, sowohl klassische Bilderbriefe als auch Mail-Art-Sendungen aus aller Welt sowie Postkartenentwürfe von zeitgenössischen Künstlern.


Die von Dr. Rosa von der Schulenburg kuratierte und durch die Deutsche Post DHL geförderte Ausstellung war vom 30. August bis zum 8. Dezember 2013 in der Akademie der Künste, Berlin, zu sehen. Sie wandert nun in reduzierter Form nach Rheinland-Pfalz und wird dort durch eine Auswahl an Text- und Zeichenbotschaften des Pfälzer Dada-Literaten Hugo Ball aus dem Besitz der Stadt Pirmasens ergänzt gezeigt.

Für die auch unter intellektuellen Gesichtspunkten fordernde musikalische Umrahmung zeichnet der Schweizer Alphornist Balthasar Streiff (Abbildung oben) verantwortlich.

Im Gespräch: Der Oberbürgermeister der Stadt Pirmasens Dr. Bernhard Matheis mit Ingeborg Karst-Staeck und dem Präsidenten der Akademie der Künste, Berlin, Prof. Klaus Staeck (v.l.n.r).

Dem Alte Post-Kurator und Leiter des Kulturamts der Stadt Pirmasens, Jörg Meißner, gelang es, die wertvollen Postkarten-Exponate aus Berlin nach Pirmasens zu holen.

Bestand die musikalische Eingangsliturgie (Bild 1) aus einer gelungenen Verschmelzung der beiden kompositorischen Grundausrichtungen Georg Philipp Telemanns einerseits sowie Karl-Heinz Stockhausens andererseits, so werden die Ausstellungsbesucher nun mit nicht nur gefühlten sondern höchstwahrscheinlich auch tatsächlichen 2000 bis 2500 Vokabeln bombardiert, konfrontiert, vertraut gemacht, umworben, beschossen, geistig bemuttert und bewürzt, kompromitiert, umgarnt, geschult, oder gar zwangsverkenntnist, die überall auf der Welt und in den unterschiedlichsten Sprachen für das Wort «Alphorn» stehen.

Schließlich unterweist der Schweizer Alphorndadaist Balthasar Streiff sein Publikum in die hohe Kunst der Beschaffung adäquater Alphornmundstücke, werden diese doch bevorzugt aus den Oberschenkelknochen tibetanischer Mönche gefertigt, weshalb es immer mal wieder «zu dramatischen Lieferengpässen kommen könne».

Klaus Staeck wuchs in der Industriestadt Bitterfeld auf, wo er den Volksaufstand vom 17. Juni 1953 hautnah erlebte. Konsequenterweise wechselte er in den Westen, wo er von 1957 bis 1962 sowohl in Heidelberg, in Hamburg als auch später in Berlin Jura studierte. Ausgelöst durch die Spiegel-Affäre organisierte Klaus Staeck in Heidelberg 1962 seine erste politische Demonstration. 1968 erhielt Staeck seine Zulassung als Rechtsanwalt in Heidelberg und Mannheim. Seit Anfang der 1970er Jahre ist er auch als Grafiker im Bereich der Politsatire in der Tradition John Heartfields tätig. Nach Wikipedia umfaßt sein Hauptwerk bislang rund 300 Plakate, die größtenteils aus Fotomontagen sowie eigenen ironischen Textergänzungen bestehen. Zur Bundestagswahl 1972 kreierte er beispielsweise sein Plakat «Deutsche Arbeiter! Die SPD will euch eure Villen im Tessin wegnehmen». Es erreichte eine Druckauflage von 75.000 Exemplaren.

Eine seiner durch diese besondere Form des kontinuierliches Arbeitens entstandene Erfolgsbilanzen: Bis heute wurde insgesamt 41mal erfolglos versucht, Plakate und Postkarten aus seiner Feder juristisch verbieten zu lassen.

Die in dieser Ausstellung gezeigten Künstlerpostkarten sind in vielen Fällen nicht nur Kunst um der Kunst willen. In der DDR und den südamerikanischen Diktaturen waren sie, als Mail-Art bezeichnet, eine wichtige subversive Kommunikationsform, um staatliche Kontrollinstanzen effizient zu unterlaufen und politische sowie soziale Solidargemeinschaften erfolgreich zu bilden. Daß staatliche Überwachungseinrichtungen mit diesen inhaltlich offensichtlich sinnlos erscheinenden Postkarten ihre Deutungsprobleme hatten, belegen entsprechende Auszüge aus Stasi-Akten, die den ausgestellten Exponaten beigestellt sind.

Dr. Rosa von der Schulenburg, Leiterin der Kunstsammlung der Akademie der Künste, betont wie wichtig für Fluxus- und Konzeptkünstler und viele andere Kunstschaffende die Postkarte als künstlerisches Medium und von welcher generellen kommunikativen Bedeutung für Künstler der Austausch von Bildern und Worten per Post war und ist.

Aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts sind u. a. Werke von Lyonel Feininger und Max Pechstein zu sehen. Die Darstellung der Geschichte der Künstlerpost setzt sich in chronologischer Folge und thematisch geordneten Kapiteln fort. Zu den zahlreichen gezeichneten, gemalten, collagierten, druckgrafisch oder typografisch bemerkenswerten Postsendungen zählen ebenso Briefe berühmter Architekten, Literaten und auch Regisseure. Darunter finden sich aquarellierte Briefkarten von Sarah Kirsch, Farbholzschnitte von HAP Grieshaber, einfühlsame Liebesbriefe von Paran G’Schrey, Bildnotizen mit Grüßen von Einar Schleef oder des begnadet gestörten Robert Wilson.

Sprechen wir von «begnadet gestört», so ist dies eine kreative Eigenschaft, die mit einiger an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auch bei dem Schweizer Alphorndadaisten Balthasar Streiff festzustellen sein wird. Wer auch immer für die Idee, diesen «Irren» für seine kongeniale Performance einzuladen, verantwortlich zeichnet, dem ist mit dieser Maßnahme ein kleiner Geniestreich gelungen.

Klaus Staeck steht den zahlreichen Vertretern der Presse Rede und Antwort.

Die Ausstellung ist auch räumlich in zwei große Bereiche aufgeteilt. Im Poissy-Saal bekommt die «Arte Postale» auch einen regionalen Bezug mit Postkarten und handschriftlichen Dokumenten von Hugo Ball und Emmy Ball-Hennings, die aus dem Fundus des Ball-Archivs stammen.

Der Rheinberger-Saal beherbergt die mit Mail-Art bezeichnete Post von Konzeptkünstlern und dem Umfeld des Fluxus, einer Kunstrichtung, die sich ähnlich wie der Dadaismus in der Literatur als Angriff auf die etablierte Kunstwelt versteht. Darunter finden sich auch Entwürfe und Postkarten der Herren Joseph Beuys, Jonathan Meese oder Dieter Roth, die Klaus Staeck in seiner Postkarten-Sammlung zusammengetragen und editiert hat.

Zu vielen Exponaten gibt es Erläuterungen zum Umfeld ihrer Entstehung. Etliche werden in speziellen Vitrinen präsentiert, sodaß sie beidseitig betrachtet werden können. Der Katalog zur Ausstellung, kuratiert von Dr. Rosa von der Schulenburg unter Mitwirkung von Jörg Meißner, ist zum Preis von 20 EUR im Museumsshop des Forums ALTE POST erhältlich. Daneben gibt es eine eigene Postkarten-Edition mit Reprints ausgewählter Motive aus der Ausstellung inklusive einer hierfür von Klaus Staeck gestalteten Postkarte.

Öffentliche Führungen (ohne Anmeldung):
Jeden 1. Sonntag im Monat, 11.00 bis 12.00 Uhr
Jeden 3. Dienstag im Monat, 16.00 bis 17.00 Uhr

Öffnungszeiten:
Di. bis So. von 11.00 bis 18.00 Uhr

Ein entspannter Blick aus dem Zugfenster während der Rückreise? Restlos auszuschließen ist das nicht.

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