ZKM: «Beuys Brock Vostell»

28 Jun

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«Dampfender Eiscafé mit zart angedeutetem Bärchengesicht auf der Crema». Dies ist keine künstlerische Arbeit der drei rubrizierten Herren sondern ein schickes Schmuckbildchen, welches auf den besonders schmackhaften Kaffee des ZKM-Cafés verweisen möchte.

Zensur? Ja! Sogar Selbstzensur? Sogar sehr: Ja! Und der Grund hierfür trägt auch einen Namen: Eva Beuys. Es kann mit einiger Berechtigung durchaus angenommen werden, daß der Eröffnungsbesucher, rechts im Bild, mittels Gebärdensprache bemüht ist, sich mit seinem Kommunikationspartner über die Größe sowie die Art und Beschaffenheit der legendären «Holzpostkarte» von Joseph Beuys auszutauschen. Die Gefahr, daß bei der visuellen Übermittlung der formalen Feindaten ein Fehler unterlaufen sein könnte und somit Eva Beuys darin wegen ungenau wiedergegebener Größenverhältnisse eine eklatante und keineswegs hinzunehmende Urheberrechtsverletzung am Werk ihres verstorbenen Mannes Joseph erkennen könnte, ist zu groß, um die von uns Abgebildeten einem solchen Prozeßrisiko grob fahrlässig auszusetzen. Wir bitten unsere Leserinnen und Leser höflich um Verständnis!

Das Beuys-Werk «Dreifaltigkeitsübung: Reden – Hören – Sagen» dürfen wir hingegen gefahrlos zeigen, weil es sich glücklicherweise dann doch nicht um ein Beuys-Werk handelt.

Auf diesem Foto könnte Eva Beuys im dominierenden Bildvordergrund den leicht unscharf abgebildeten Geist Hannah Arendts erkennen, der nach Ansicht der Künstler-Witwe im Werk ihres verstorbenen Mannes möglicherweise so rein gar nichts verloren oder gar zu suchen habe, weshalb wir vorsorglich den im rechten Teil der Aufnahme abgebildeten Kunstsammler und zugleich Leihgeber sicherheitshalber wegzensiert haben.

Auch ist es nicht restlos auszuschließen, daß sich gemäß der Beuys-Doktrin «Jeder Mensch ist ein Künstler» die Künstler-Witwe Eva Beuys selbst zur Künstlerin erklärt und auch, daß expresis verbis alle Besucherinnen und Besucher, die sich hic et nunc gemeinsam mit ihr im ZKM-Atrium aufhalten, aus diesem Grunde und ganz automatisch zu einem festen Bestandteil eines künstlerischen Adhoc-Happenings geworden sind, weshalb Eva Beuys sämtliche hieraus resultierenden Verwertungs- und Urheberrechte für sich reklamieren und gegebenenfalls prozessual durchsetzen könnte.

Deshalb haben wir nicht nur sämtliche Personen auf vorstehenden Fotos unkenntlich gemacht sondern insbesondere darauf verzichtet, mittels Übersichtsaufnahmen die tatsächliche Füllmenge an Eröffnungsbesuchern zu dokumentieren, um ihnen pauschal jegliches eventuell entstehende Risiko, von Eva Beuys auf was auch immer verklagt zu werden, zu ersparen. Unserer Beobachtung und Schätzung folgend, dürften es zur Eröffnung gefühlte und wohl auch tatsächliche 500 bis 600 Besucher gewesen sein.

Alle nachfolgenden Bilder können und wollen wir jedoch unzensiert zeigen, weshalb wir für nicht eben wenig Geld diese Aufnahmen von der international anerkannten Geistheilerin Gesine Gürtelfräckler digital haben entbeuysifizieren lassen.

Und bevor unser eigentlicher kleiner «Beuys Brock Vostell»-Bericht startet, möchten wir noch einen uns in diesem Zusammenhang quälenden Gedankengang loswerden: So wie man den alljährlich wiederkehrenden Konsum sieben- bis neunstündigen intergalaktischen Kampfgejaules auf dem Bayreuther Festspielhügel unseres Erachtens als nichts anderes als eine besonders seltsame Form von gesellschaftlicher Mutprobe einstufen muß; so wie die in die Filmgeschichte eingegangene zwanghafte Zusammenarbeit zwischen Werner Herzog und Klaus Kinski durchaus auch als eine Art Kräftemessen zweier qualitätsvernarrter Egomanen zu bezeichnen ist, so sehr fragen wir uns, ob das Planen nebst der Durchführung einer Ausstellung, die Werke von Eva, quatsch, Joseph Beuys beinhaltet, und durch das damit zwingend verbundene und stets klagefreudig über der ganzen Veranstaltung drohend baumelnde Damoklesschwert, das auf den Namen «Einstweilige Verfügung» hört, den verantwortlichen Kuratoren nicht ebenfalls jenen Kick verschafft, der Bergsteiger ereilt, wenn sie erfolgreich einen Achttausender ohne Sauerstoffmaske erklommen haben?

Auf jeden Fall kann das Lob an die Ausstellungsmacher, die sich trotz vorstehend grob skizzierter Widrigkeiten nicht davon haben abschrecken lassen, diese richtige, wichtige, großartige und längst überfällige Ausstellung auf die Beine zu stellen, gar nicht groß genug sein.

Der Leiter «ZKM | Museum für Neue Kunst», Andreas Beitin, eröffnete den Redereigen im akustischen Retro-Look: Gefühlte und wohl auch tatsächliche 250 bis 300 Verantwortliche, die in irgendeiner Weise und Form am Zustandekommen der Ausstellung beteiligt waren, wurden namentlich einzeln genannt und gewürdigt. Großes Kino!

Der Übersichtsplan zur Ausstellung «Beuys Brock Vostell», für dessen architektonisches Erscheinungsbild das Architekturbüro «Holzer Kobler Architekturen» verantwortlich zeichnet. Da sich das ZKM auch und gerade um die interaktiven Aspekte des Lebens und in der Kunst kümmert, also um jene Merkmale, die mit den Besuchern des ZKM ab dem Betreten des Gebäudes visuell kommunizieren, ist es nicht verwunderlich, daß bereits der bloße Anblick dieses Übersichtsplans bei unseren Redaktionsmitgliedern starke Erinnerungen an das gute, alte Asteroids-Computerspiel hervorruft.

Die Fachbereichsleiterin Bildende Kunst der Kunststiftung NRW, Dr. Barbara Könches, erklärte die fraglos besondere Förderungswürdigkeit der Ausstellung «Beuys Brock Vostell».

Hier entstand ein Bazon Brock to go. Vielleicht sogar als App?

Barbara Holzer (Architekturbüro «Holzer Kobler Architekturen») wurde nach der Eröffnung zu der gelungenen Gestaltung des Ausstellungsraumes beglückwünscht.

Prof. Bazon Brock, (Fluxuskünstler, Ästhetikprofessor sowie Direktor des Himmels) hielt eine faszinierende, frei vorgetragene, großartige und zudem druckreife Rede, die ihm das Publikum konsequenterweise mit stehenden Ovationen quittierte.

Einer der Punkte in seinen Ausführungen betrafen die Aspekte der unbedingten Freiheit des Künstlers. Diese eigentlich selbstverständliche Position kann gerade in Bezug auf das Werk und Wirken Joseph Beuys’ jedoch gar nicht oft genug repetiert werden. Nehmen wir beispielsweise die Beuys-Schilderung, mit der er versuchte, seinen Drang und Hang zur Verwendung von Fett und Filz als Arbeitsmaterialien zu erklären: Er sei während des zweiten Weltkrieges über Russland abgeschossen worden. Krim-Tataren hätten ihn gefunden und zum Schutz vor der entsetzlichen Kälte mit Fett eingerieben und in Filzdecken gehüllt. Das habe ihm das Leben gerettet.

Nicht schlecht! Und, wie wir spätestens seit Veröffentlichung der Beuys-Biografie von HP Riegel im aufbau-Verlag wissen: frei erfunden. Aber das ist vollkommen in Ordnung, denn freie Künstler sind keine Organe der Rechtspflege. Es geht nicht, einerseits Antoine de Saint-Exupérys kleinem Prinzen die Schaffung einer eigenen Traumwelt zuzugestehen, andererseits dieses Recht einem Joseph Beuys oder welchem Künstler auch immer abzusprechen.

Die künstlerische Leiterin des «Consorcio Museo Vostell Malpartida» Mercedes Guardado Vostell war mit der Laudatio auf das Werk ihres verstorbenen Mannes Wolf Vostell zufrieden.

(V.l.n.r.): Marina Sawall, Monika Hoffman-Brock and Corry Müller-Vivil.

Intellektuelles Fingerhakeln mit Bazon Brock.

Hier war selbst Gesine Gürtelfräckler machtlos: Werner Schmalenbach gewährt seinem digitalen Notizbuch Kraft entschlossenen Fingerkuppendrucks ausnahmsweise ein Autogramm. Da jedoch das Verhältnis zwischen Joseph Beuys, Werner Schmalenbach und nicht zuletzt auch zu Johannes Rau nicht immer zwingend als harmonisch zu bezeichnen war, könnte die Beuys-Witwe eventuell auch hier gesteigerten Klagebedarf sehen, weshalb wir dieses Foto vorsorglich und in einem (fast) unerklärlichen Anfall von vorauseilendem Gehorsam ergebnisorientiert zensiert haben.

Chairman and CEO of the ZKM, Prof. Dr. h.c. Peter Weibel and Corry Müller-Vivil honouring Duane Michals’ «Self Portrait Shaking Hands With My Father» from 1973.

Ein Blick in die Ausstellung.

Ein Blick in die Vitrine.

Da wir es in diesem Kontext ohnehin nicht lassen können: Unser Redaktionsfotograf schwört Stein und Bein, daß er weder kurz vor noch kurz nach dieser Aufnahme irgendetwas von einer Gliedmaße bemerkt haben will, die «da so komisch im Bild rumhängt». Schlußfolgerlich kann es sich eigentlich nur um den verlängerten Arm von Künstlergottvater Joseph Beuys höchstrichterlichselbst handeln, der urplötzlich in Erscheinung trat, um uns allen über diese happeningeske Momentaufnahme unmißverständlich zu verstehen zu geben: «Dieses Bild da! Ja, genau das da! Sofort abhängen!» Restlos auszuschließen ist das jedenfalls nicht.

***Über den Autoren***

Andreas Baier wurde direkt in die Kunstszene hineingeboren. Seine Eltern publizierten Anfang der 1960er Jahre die Zeitschrift «KUNST», für dessen grafisches Erscheinungsbild Wolfgang Schmidt verantwortlich war. In dieser Zeit war «KUNST» IVW-geprüft die größte Zeitschrift für zeitgenössische Kunst im deutschsprachigen Raum. Ab 1970 wurde sie in «MagazinKUNST» umbenannt. Der an ihre Galerie angeschlossene Grafikkreis brachte jeden Monat limitierte Editionen bekannter Künstler heraus. Vorstehend abgebildetes Titelbild befindet sich auch in der Tate Collection.

Nachfolgend ein Bericht über Wolf Vostell aus dem Jahre 1966 in «KUNST».

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