Eva Beuys, Sie eingefleischte Kannibalismuskritikerin!

28 Jul

Hommage à Joseph Beuys
mit dem Titel: «Knäckebrot nach 48 Stunden morgens»
flashlight paintings by Andreas Baier

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Eigentlich dachten wir ja, Sie seien nach Ihrer Schlappe vor dem BGH und der aufmerksamen Lektüre unseres kleinen Besinnungsfotoaufsatzes bezogen auf die aktuelle Ausstellung im ZKM «Beuys Brock Vostell» – zumindest was Ihre legendäre Prozeßfreudigkeit angeht –, irgendwie etwas ruhiger geworden, aber mitnichten: «Man hat meinen Mann in der Öffentlichkeit lächerlich gemacht», so werden Sie wortwörtlich auf dem Portal von RP-Online zitiert.

Doch was war passiert? Ganz einfach: Die drei Künstler Andree Korpys, Dieter Schmal und Markus Löffler haben in einer künstlerischen Aktion im Düsseldorfer Museum Kunstpalast laut art – Das Kunstmagazin aus den über 30 Jahre alten Margarineresten einer der berühmten Fettecken Ihres Mannes Joseph mit einer Apothekerdestille erst 80-prozentigen Alkohol gebrannt und diesen dann zu etwa vier Litern 50-prozentigem Schnaps verdünnt – und sodann einen kleinen Teil davon sogar andächtig selbst verinnerlich, sprich: getrunken. «Der Geschmack», so einer der drei an dieser Aktion beteiligten künstlerischen Entscheidungsträger, «erinnere ein bißchen an Parmesan».

Die Vorgeschichte: Im Jahre 1982 bringt Joseph Beuys in seinem Atelier, Raum 3 der Düsseldorfer Kunstakademie, auf Bitten seines Schülers Johannes Stüttgen dort eine Fettecke an, die jedoch, wie das mit Beuys-Werken schon häufiger passiert ist, 1986 vom zuständigen Hausmeister als Müll erkannt und in dem aus seiner Sicht zuständigen Eimer entsorgt wird. Stüttgen rettet die Überreste und lagert sie im Keller seines heimischen Reiches. Außerdem erstreitet er vor Gericht einen Schadenersatz von DM 40.000,-, womit juristisch bereits geklärt sein dürfte, daß die hier gegenständlichen Beuyschen Fetteckenüberreste keinen Status mehr als Kunstwerk genießen und somit auch nicht den besonderen Schutz des Urheberschutzgesetzes.

Hommage à Joseph Beuys
mit dem Titel: «Knäckebrot nach 48 Stunden mittags»

Ihre freimütige Selbstauskunft klingt so: «Beim Anblick des Schnapsfläschleins, auf dessen Etikett der Name meines Mannes steht, ist mir der Scheck, quatsch, Shreck in die Glieder gefahren.» Really? Außerdem seyen Sie zutiefst aufgewühlt und legen, weil dem unvermeidlicherweise so zu sein hat, nochmals gehörig ein anständiges Schippchen Tobak obendrauf: «Das ist der Akt des Kannibalismus, der nicht zu Beuys und seine Kunstauffassung paßt. Niemand hat bis heute die Fettecke meines Mannes verstanden».

Puh, mit dieser unzutreffenden Analogie haben Sie sich tief in die Ackerfurchen eines ganz besonderen und hoch deliziös-religiösen Disputes katapultiert, den schon die Sponti-Fraktion der 68er-Bewegung spaßeshalber gerne mit kirchlichen Traditionalisten führte: «Erfüllt der Verzehr einer gewandelten Hostie den Tatbestand des Kannibalismus?

Um diesem Gedankengang jedoch mit einiger Berechtigung Gehör verschaffen zu können, ist es zwingend erforderlich, daß ein – wie auch immer zubereiteter – menschlicher Körper zum Verzehr zur Disposition steht. Also: Jesus, ein Mensch aus Fleisch und Blut, verstirbt, fährt auf in den Himmel und seine Jünger sowie etwas später alle sich dem christlichen Glauben Zugetane verzehren kleine Brotstücken, denen zuvor ein katholischer Geistlicher eingeredet hat, in aller Tatsächlichkeit das Fleisch Christi zu sein.

So ißt die Grundlage, um überhaupt von Kannibalismus reden zu können, wir wiederholen uns: menschliches Fleisch und Blut. Und nicht etwa ranzige Margarinereste. Denn im logischen Umkehrschluß behaupten Sie mit Ihrem Kannibalismus-Margarine-zu-Schnaps-Vergleich nichts anderes, als daß Ihr verstorbener Mann Joseph zu Lebzeiten aus nichts anderem bestanden habe, als aus Margarine, dessen Verfallsdatum schon lange hinüber war. Und so erklärte Ihnen Museumschef Beat Wismer konsequenterweise und der Logik folgend am Telefon: «Wir haben die Reste einer zerstörten Fettecke von Beuys destilliert. Wir haben keinen Beuys destilliert.» Oder, um extra für Sie und zu Ihrem besseren Verständnis ein weiteres Beispiel zu bemühen: Angenommen eine Gruppe geistig zart überspannter Pilgerer schickte sich an, gemeinsam das weltberühmte Leichentuch von Turin zu verspeisen, so wäre dieser Vorgang möglicherweise als Gotteslästerung, Reliquienschändung oder ganz schlicht als Sachbeschädigung zu werten, keinesfalls jedoch – und da sind auch wir uns als Nichtjuristen ziemlich sicher – wäre durch den Stofftuchverzehr der Tatbestand des Kannibalismus erfüllt. Und auch dann nicht, wäre das Turiner Leichentuch zuvor destilliert worden, um in den zusätzlichen Genuß eines leichten Parmesangeschmacks zu kommen. Ganz bestimmt nicht.

Hommage à Joseph Beuys
mit dem Titel: «Knäckebrot nach 48 Stunden abends»

Worauf Sie natürlich hinauswollen, daß ist die Gleichsetzung Ihres toten Mannes mit Gott – schon klar. Aber Sie sollten das unseres Erachtens nicht zu laut sagen, denn andernfalls könnte man möglicherweise zu dem Schluß kommen, daß Sie, nun ja, vielleicht ein bißchen verrückt sind. Wir können uns nicht vorstellen, daß Sie das allen Ernstes wollen.

Apropos Gott und Definition: Auf Bazon Brocks Denkerei-Startseite ist ein Foto zu sehen, das auf einer der Denkerei-Fensterscheiben eine Formel nach Friedrich Schlegel präsentiert und die sich mit dem «poetischen Ideal, mit Gott sowie mit einem Term beschäftigt, der im wesentlichen auf der mathematisch unzulässigen Teilung durch Null basiert» auseinandersetzt. Zur Erläuterung heißt es dort begleitend: «Formel für das poetische Ideal nach Friedrich Schlegel • 1/0 steht für ‹unendlich groß›; F=Fantastik, S=Sentimentalität und M=Mimik. Gestaltung: Adler & Schmit, Berlin 2011». Und falls Sie tatsächlich unserer Empfehlung folgen sollten, sich etwas näher mit dieser Formel auseinanderzusetzen, so halten wir den Besuch der Seiten Der mathematische Sinn der Null sowie Stupedia mit dem Artikel Durch 0 teilen ebenfalls für ratsam. Jedenfalls würden Sie sich damit etwas Abwechslung verschaffen, ohne sich zu sehr vom Thema zu entfernen, denn auf der Stupedia-Seite heißt es u.a.: «Physiker sind bekanntermaßen etwas eigen. So ist das ‹Durch Null teilen› in der Physik seit Langem ein beliebter Weg, um das Unendliche zu beschreiben. Der den Physikern feindlich gesinnte Stamm der Mathematiker verklagte somit die Physiker und forderte ein striktes Verbot des ‹durch Null teilens›. Derzeit ist ein Ergebnis der im Geheimen verlaufenden Verhandlungen noch nicht abzusehen.»

Abschließend zitieren wir abermals aus RP-Online: «Als der Direktor des Museum Kunstpalast, Beat Wismer, vor Monaten bei Johannes Stüttgen anfragte, ob er das Fett für eine alchemistische Aktion hergeben würde, tat er dies. Zu den Künstlern, die im Verlaufe einer Performance die Reste zu Schnaps destillieren und in ein Glas mit Etikett füllen wollten, hatte er Vertrauen gefasst. ‹Die Umwandlung in einen anderen, befreiteren Aggregatzustand stand jetzt in Aussicht›, sagt Stüttgen und nennt den Vorgang einen ‹Fingerzeig des Himmels›. Er würde sich freuen, wenn die Idee der sozialen Plastik von Beuys durch eine solche Aktion wieder zum Tragen käme. Etwas schon einmal Zerstörtes, das er aus einem Putzeimer in der Akademie geborgen hatte, sagt Stüttgen, würde aus seinem ‹würdelosen Zustand befreit und macht mit Blick auf Beuys Sinn›.»

Hommage à Joseph Beuys
mit dem Titel: «Knäckebrot nach 48 Stunden nachts»

Well, sicherheitshalber geben wir Ihnen noch diesen Link zur STIFTUNG |7|0|0|0 EICHEN an die Hand. Dort erfahren Sie alles über eine ganz bestimmte Joseph-Beuys-Performance während dieser Ihr ehemaliger Göttergatte eine massivgoldene Replik der Zarenkrone Iwans des Schrecklichen öffentlich einschmolz und in einen Friedenshasen umwandelte. Wir zitieren: «Beuys hatte die Grundprinzipien seiner ‹Theorie der PLASTIK›, bezogen auf die drei Aspekte ‹Chaos – Bewegung – Form› (die schon bei Paracelsus als ‹sulphur – mercurius – sal› auftreten), diesmal nicht am Fett, sondern am Gold vorgeführt; herausgekommen war der Hase, das Tier, das er Zeit seiner Aktionen immer wieder als Zeichen der Liebesverbindung von Himmel und Erde, der Beweglichkeit und des Friedens, sowie des Zusammenhangs von Ost und West (EURASIA) eingesetzt hatte. Und aus dem noch restlichen Gold goß er eine kleine Sonnenkugel.»

Und mit Bezug auch auf Hochprozentiges wird Joseph Beuys wie folgt zitiert: «Es kommt alles auf den Wärmecharakter im Denken an. Das ist die neue Qualität des Willens

Mit Rechtsanwalt Prof. Dr. Peter Raue haben Sie einen Top-Mann zur Wahrung Ihrer rechtlichen Interessen beauftragt – und das ist sehr gut so. Schließlich ist er nicht nur ein erstklassiger Jurist, er bringt dank seines ausgeprägten Kunstsachverstandes zudem jenes zwingend notwendige Wissen mit, daß neben der Erörterung formaler juristischer Fragestellungen auch dabei behilflich sein wird, einen Weg zu finden, den künstlerischen Intentionen und dem Werk Ihres Mannes nach allen Richtungen hin gerecht zu werden.

Sehr verehrte Eva Beuys, es liegt uns fern, Sie abzukanzeln oder uns über Sie lustig zu machen. Es ist nur so, daß, wenn Sie so weitermachen, niemand mehr etwas mit Ihnen und dem Werk Ihres Mannes zu tun haben wollen wird. Oder heißt es «… wird zu tun haben wollen?» Oder gar: «… zu tun haben wird wollen?» Sie sind doch Lehrerin, helfen Sie uns bitte!

Mit freundlichen Grüßen
Ihre Meerschweinchenreportredaktion

***UPDATE – 1. August 2014***

Wie das Fakten-Magazin Focus berichtet, wurde vor wenigen Stunden zwischen beiden Parteien eine außergerichtliche Einigung erzielt: «Beide Seiten vereinbarten eine Änderung der Angaben auf dem Etikett der Schnapsflasche: Statt ‹Joseph Beuys, Reste einer staatlich zerstörten Fettecke› soll hier nun stehen: ‹Geist. Reste der zerstörten Fettecke von Joseph Beuys (1982, Raum 3, Staatliche Kunstakademie Düsseldorf. Edition 1-16, Korpys/Löffler/Schmal 2014, 50 % Vol)›.» Na bitte, es geht doch!

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