HSRM: «365°»

6 Jan

Kalendermotiv «365°»

Wer unsere vier Beiträge zur «fotografischen Mathematik» gelesen hat, der ist für die korrekte Rezeption der neuesten Kalenderschöpfung namens «365°» aus dem Hause «Hochschule RheinMain» unter der Leitung von Prof. Gregor Krisztian bestens gerüstet.

Normale Kalender liefern normale Antworten: «Kalender: Wie viel Uhr haben wir?» «Drei Minuten vor Deiner Zeit» qäkt es ergebnisunorientiert zurück. Nur nichts anmerken lassen, werden sich sowohl Kalender als auch Fragesteller jetzt heimlich denken. Aber mit solchen unzeitgemäßen Spielereien, die dem vorigen Jahrhundert zuzuordnen sind, ist es jetzt vorbei. Endlich erhält die scheinbare Sinnlosigkeit einen Sinn – und wird dadurch sinnhaft. Das mag verstehen, wer will – wir auf jeden Fall!

Kalendermotiv «365°»

Ein Beispiel: Vermengen wir im Geiste das Werk Robert und Sonia Delaunays mit den Olympischen Ringen, mit den Ringen unter den Augen Margaret Thatchers, mit Zwiebelringen auf einem gegrillten Doppel-Whopper mit Käse, mit den Flugschreiberscheiben einiger schmackhafter Ringeltäubchen, so erhalten wir in grafisch gekonnt abstrahierter Form die Information, daß am 18. Januar beispielsweise der «Welttag des Schneemanns» terminiert ist, daß der 27. April mit dem «Welttag des Designs» zusammenfällt; und daß der 5. Juli der «Welttag der Workoholics» ist. Und wem das alles zu viel Welttag-Fetischismus ist, für den gibt es am 27. August den «Internationalen Einfach-so-Tag». Und der 21. Dezember ist dann als Leckerbissen für alle Freunde der gepflegten Gothic-Party gedacht: die «Gedenknacht zur Nacht». Na bitte!

Kalendermotiv «365°»

Grundsätzlich gilt: Wer näher tritt, genauer hinschaut, Formen und Farben entschlüsselt und die Randzonen um die Motive herum kritisch in Augenschein nimmt, wird feststellen: Hier handelt es sich um einen schön gemachten und fein erdachten Kalender, der gefallen, fordern und unterhalten will. Der aber auch irritiert, weil man sich ein wenig um ihn bemühen muß.

Kalendermotiv «365°»

Die irritierende Unkorrektheit «365 Grad» ist bewußt gewählt: Als
doppeldeutiger Titel für den Hochschulkalender 2015, der markante Architekturen des RheinMain-Gebietes einfach etwas anders dokumentiert und durch den ungewohnten Blick den Blick der Betrachter schärft. Typisch 365° eben.