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Die Akademie der Künste, Berlin: «Zu Gast in den Kunstsammlungen Chemnitz»

7 Feb

Alle Bilder von unserem Redaktionsfotografen Andreas Baier
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Nach Chemnitz zu reisen, ist nach wie vor gleichbedeutend mit einem satten Trip in die Vergangenheit – und großes Kino! Kann sich noch irgend jemand an die Batterien von biertrinkenden Punks in Bahnhofsnähe erinnern, die schon vor 12 Uhr Mittags ihr Brauchtum hegten und pflegten? Und wenn man sie nach dem Wege fragte, so bekam man nicht etwa «die Fresse dick», sondern eine freundliche, ja geradezu hyperüberfreundliche Auskunft? Nein? Schade, denn auch wenn besagte Punks seit gefühlten und wohl auch tatsächlichen vier Jahrzehnten aus dem westdeutschen Straßenbild verschwunden sind – in Chemnitz sind sie noch heute präsent; und sie benehmen sich erfreulicherweise genauso wie vorstehend beschrieben.

Läuft man nun nach Auskunftserteilung mit seinem Köfferchen vom Bahnhof aus, mit dem Haupteingang im Rücken, die nächste Kreuzung rechts, an der darauffolgenden Kreuzung links und danach ein ganzes Weilchen immer der Nase nach, so trifft man an der nächsten übergeordnet großen Kreuzung rechter Hand auf Herrn Marx, Karl Marx, sauber und wohl proportioniert in Stein gemeißelt, der – würde man diesen Koloß aus 20.000 Kilometern Höhe direkt über dem Gebäudekomplex auf dem Potsdamer Platz in Berlin abwerfen, sicherlich – und ganz pflichtbewußt – mit dem vollen Aroma seiner gigantischen Sprengkraft daherkäme.

Gute Gestaltung erkennt man immer an ihrer Fähigkeit zur unmißverständlichen Kommunikation.

Die Generaldirektorin der «Kunstsammlungen Chemnitz», Frau Dr. h.c. Ingrid Mössinger, betritt soeben das Auditorium des Museums. Deutlich zu erkennen sind die sauber gestalteten Programmhefte der gemeinsam mit der «Akademie der Künste, Berlin; Sektion Bildende Kunst», organisierten Veranstaltungsreihe.

Der frühere Präsident der Akademie der Künste, Berlin, Prof. Klaus Staeck, hält eine schwungvolle, klar strukturierte und humorvolle Begrüßungsrede, die sich mit dem Sinn und Unsinn des Lebens, mit dem auf und nieder weltlicher Gezeiten, und natürlich auch und irgendwie mit der gelegentlich fluxusesk aufkeimenden Wirkung künstlerischer Kommunikationsarten und -techniken dezidiert auseinandersetzt.

Wird man im Rahmen einer öffentlichen Veranstaltung ausgezeichnet, so gibt es drei Hauptvarianten, im Rahmen derer solche Huldigungen für gewöhnlich über die Bühne gehen: 1) Die Riesenscheckübergabe im Foyer einer Kreissparkasse; 2) Eine gepflegte Weizenbierdusche auf dem Marienplatz; oder 3) Die Verleihung des Bundesverdienstkreuzes am großen Harken auf der Wartburg. Wahrlich, intellektuelle Leckerbissen sind das aber allesamt nicht. Den richtigen Kick gibt es abermals nur im sauber typograpierten Gesamtzustand: durch und mit Verleihung einer Urkunde auf der «DIE AKADEMIE DER KÜNSTE, BERLIN, ZU GAST IN DEN KUNSTSAMMLUNGEN CHEMNITZ» steht – und natürlich von Dr. h.c. Ingrid Mössinger sowie Prof. Klaus Staeck gemeinsam in den Händen gehalten wird. Deutlich zeigt auch das begeisterte Mikrophon in Richtung der zurückhaltend und gerade dadurch vorbildlich gestalteten Premiumauszeichnung!

Prof. Dr. Wulf Herzogenrath, Direktor der Sektion Bildende Kunst und Kurator der Ausstellung, auf dem Weg zum Rednerpult; er hält dort eine schwungvolle, klar strukturierte und humorvolle Rede, die sich mit dem Sinn und Unsinn des Lebens, mit dem auf und nieder weltlicher Gezeiten, und natürlich auch und irgendwie mit der gelegentlich fluxusesk aufkeimenden Wirkung künstlerischer Kommunikationsarten und -techniken dezidiert auseinandersetzt.

Dr. h.c. Ingrid Mössinger sowie Prof. Dr. Wulf Herzogenrath gemeinsam mit einem Sonnenblumenstrauß. Nein, wir denken jetzt nicht an van Gogh. Sondern eher an kaltgeschleudertes Sonnenblumenöl, das, so es einmal die Erdatmosphäre verlassen hat, auf dem Mond die besten Bedingungen vorfindet, um einer später nachfolgenden Erdmenschenpopulation die perfekte Grundlage zu bieten, um in gefühlsschwachen Momenten seltsam anmutende Gedichte zu verfassen.

Und da haben Sie es nun, meine lieben Meerschweinchenreportleserinnen und Meerschweinchenreportleser: Da braucht man nur mal eine geist- und sinneserweiternde Ausstellungseröffnung zu besuchen – und schon fällt es einem hinterher schwer, die körpereigene Schreibe unter Kontrolle zu halten.

Nach den Reden ist vor der Lecture-Performance: Manos Tsangaris, Direktor der Sektion Musik, beweist einen besonderen Sinn für das richtige Timing in der Abfolge absurd anmutender Ton- und Geräuschsequenzen.

Manos Tsangaris beherzigt die eiserne Grundregel, wonach Lustiges formal mit ernster Mine sowie Ernstes formal eher humorvoll vorzutragen ist. In dem hier vorliegenden Fall verhält es sich mal so – und mal so. Und dann auch wieder so.

Menschen können wie eine Gebirgskette sein – wenn man ihnen die Möglichkeit zur freien Entfaltung ihrer Persönlichkeit bietet.

Auf dem Weg zur Performance von Christina Kubisch.

Die Video-, Musik- und Performancekünstlerin Christina Kubisch stellt den Besuchern ihr Projekt vor.

Im Gesamtüberblick: Christina Kubischs Performance.

Ein Bild aus der Serie mit dem Titel «Straight to the point» unseres Redaktionsfotografen.

Als wäre es eine Szene aus einem Film Federico Fellinis: «Tanzende Vibratoren, jeweils mit einem Mini-Tütü bekleidet, drehen sich lustvoll vor dem inneren Auge des Vatikans». Oder so ähnlich. Vielleicht sind es aber auch Lippenstifte auf dem Weg zu einer Vorstandssitzung der Deutschen Bank im Jahre 2050. Soo genau weiß man das nicht, denn das mit dem Interpretieren ist ja immer so eine Sache … Klar, die Künstlerin hätte man jederzeit befragen können. Aber würde man sich dadurch nicht der Möglichkeit berauben, die Dinge so zu sehen, wie man sie sehen möchte?

Prof. Dr. Wulf Herzogenrath filmt oder fotografiert die Performance. Im Hintergrund eine Plastik des Bildhauers Emil Chimiotti.

Christina Kubisch, Mitglied der Sektion Musik, im Gespräch mit Ausstellungsbesuchern. Auf dem Spiegel stehen noch die Figuren zu ihrer kurz zuvor zelebrierten Performance «Ballett» (1979/2016).

In der Ausstellung werden zur Feier des 320-jährigen Bestehens der Akademie der Künste, Berlin, Werke aus der eigenen Kunstsammlung, dem Bestand der Kunstsammlungen Chemnitz sowie aus öffentlichem und privatem Besitz gezeigt. Die Akademie der Künste, Berlin, ist die älteste deutsche und drittälteste europäische Akademie. Zusammen mit der Sektion Baukunst bildete die Sektion Bildende Kunst den Kernbestand der 1696 durch Kurfürst Friedrich III. gegründeten «Academie der Mahl-, Bild- und Baukunst». Im Hintergrund das Gemälde «Schlaf II» von Karl Horst Hödicke.

Der Spiegel zur Kubisch-Performance wird wieder zurück ins Archiv gebracht.

Beim Abstieg aus dem Reich der Bildenden Künste lechzen für jeden der 67 ausstellenden Künstler individuell erstellte Informationsfaltblätter förmlich darum, mitgenommen zu werden: Magdalena Abakanowicz, Ai WeiWei, Dieter Appelt, Armando, Silvia Bächli, Frank Badur, Miroslaw Balka, Lothar Böhme, Emil Cimiotti, Tony Cragg, Richard Deacon, Tacita Dean, Jim Dine, Arnold Dreyblatt, Bob Dylan, Hartwig Ebersbach, Bogomir Ecker, Ólafur Elíasson, Heinz Emigholz, Ulrich Erben, Ayse Erkmen, VALIE EXPORT, Thomas Florschuetz, Jochen Gerz, Dieter Goltzsche, Ulrike Grossarth, Katharina Grosse, Mona Hatoum, Birgit Hein, Karl Horst Hödicke, Rebecca Horn, Alfonso Hüppi, Magdalena Jetelová, Joachim John, Ivan Kafka, Barbara Klemm, Bernd Koberling, Christina Kubisch, Raimund Kummer, Marwan, Jeanine Meerapfel, Boris Mikhailov, Bruce Nauman, Marcel Odenbach, Wolfgang Petrick, Hermann Pitz, Markus Raetz, Arnulf Rainer, Bridget Riley, Ulrike Rosenbach, Karin Sander, Eran Schaerf, Hanns Schimansky, Michael Schoenholtz, Richard Serra, Daniel Spoerri, Klaus Staeck, Wolfgang Tillmans, Rosemarie Trockel, Günther Uecker, Micha Ullman, Hans Vent, Corinne Wasmuth, Wim Wenders und Dorothee von Windheim.

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