Tag Archives: Kai Diekmann

Helmut Dietl ist tot

31 Mar

Foto von Karin Székessy
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Heute Vormittag machte es bereits die große Medienrunde, denn ein ganz, ganz Großer des deutschen Films sowie des humorbetonten Unterhaltungsbetriebs mit intellektuellem Anspruch hatte seinen glänzenden Silberlöffel fast pünktlich zu Beginn der diesjährigen Sommerzeitperiode für immer abgegeben: Helmut Dietl. Um 10:39 Uhr MESZ glitt ihm das so lieb gewordene Esswerkzeug aus der Hand, wurde jedoch kurz vor dem unumkehrbaren Aufprall wie durch ein göttlich gefügtes Zeichen von einem kräftigen Windstoß erfaßt und so auf seine letzte, fast wiederbelebende, Reise quer durch den filmschaffenden Teil der Republik geschickt.

Meerschweinchenreport war live dabei:
Zunächst schaute das glitzernde Multifunktionsbesteck bei Veronica Ferres vorbei und rührte ihr den frisch gebrühten Frühstückskaffee um, um sodann Ruth Maria Kubitschek kurzfristig als Diktiergerät (Track 4) zur Seite zu stehen, gefolgt von einer konstruktiven Stippvisite bei Franz Xaver Kroetz, um im Gegenzug für seine vermeintlich adäquate Drehbuchkritik seine Zunge mit melkfrischem Erdbeerjoghurt zu überziehen. Danach brachte Christiane Hörbiger das gute Erbstück mit deutschem Migrationshintergrund wieder auf Hochglanz, Götz George tauchte es zum Ausgleich und unter Berücksichtigung dramaturgischer Kontrapunktaspekte kurz mit bitterer Mine in bittere Orangenmarmelade, Heiner Lauterbach konnte sich dem sparkassenesken Charme seiner Grundidee nicht entziehen und brachte besagte analog gefertige Suppenbeförderungsapplikation, so gut es ging, mit dem Staub aller Feinde Brandenburgs wieder auf Vordermann, Senta Berger steckte ihn anschließend und konsequenterweise zum Fiebermessen einem hochrangigen Marineoffizier zwischen die Kiemen und sang mit ihm zum Trost gemeinsam «La Paloma» und Felix, quatsch, Joachim Król knobelt mit Uwe Ochsenknecht noch immer um die Wette, ob hinter dem «Besuch des großen Löffels» möglicherweise ein weiteres verkapptes Angebot steckten könnte, die komplizierte Vita von Veronica Ferres zu verfilmen. Jan Josef Liefers beendete schließlich am Montagmittag Löffels Reisen und zerlegte ihn routiniert mit dem Schneidbrenner. Das Ergebnis seiner fachgerechten Analyse packte Mario Adorf umgehend gegenüber der Presse hinreichend pointiert und geschmackssicher in nur zwei Worte: Tornedos Rossini.

In eingeweihten Fachkreisen (Michael Bully Herbig) wird gemunkelt, daß sich Helmut Dietl inzwischen mit Dieter Hildebrandt, Ulrich Mühe und Helmut Fischer zu ersten Sondierungsgesprächen getroffen habe. Dabei soll häufiger auch der Name des allseits beliebten Allround-Journalisten Kai Diekmann gefallen sein. Wir sind gespannt, möglichst bald zu erfahren, was es damit auf sich haben könnte, denn weiterführend wird in eingeweihten Fachkreisen (Harald Schmidt) gemunkelt, daß der BILD-Chef die offizielle Trauerrede für den begnadeten Satiriker im Plenarsaal des Deutschen Bundestages halten soll. Eigentlich ein gar nicht soo abwegiger Gedanke.

Kai Diekmanns jüngster Alptraum

18 Apr

Der BILD-Chefredakteur Kai Diekmann wurde gestern Nacht überraschend aus der Haft, quatsch, aus einer der Hauptstadt angemessenen Spielhölle heraus gekidnappt. Die Entführer fordern als Bedingung zur Freilassung des verhinderten Heldentenors, daß alle Bundestagsabgeordneten unter notarieller Aufsicht und im Rahmen einer von allen Fernsehsendern live zu übertragenden Bundestagssondersitzung jeweils und unisono eine Dose Hundefutter schmatzend zu verspeisen hätten. Im direkten Anschluß daran habe eine fruchtvolle Debatte über die nachhaltige Senkung der dramatischen Staatsschulden zu erfolgen. Was mit Diekmann passieren werde, wenn den Forderungen nicht nachgegeben würden, war bis zum Redaktionsschluß leider nicht in Erfahrung zu bringen.

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Sensibles Thema. Deshalb keine Kommentarmöglichkeit.
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Judith Holofernes versus BILD

7 Mar

«Judith Beheading Holofernes» by Caravaggio

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Die Handlung ist kurz erzählt: Werbeagentur von BILD, Jung von Matt, wendet sich an «Wir sind Helden» und bietet an, in BILD-Kampagne mitzuwirken. Judith Holofernes veröffentlicht auf Wir-sind-Helden-Blog sowohl Anfragebrief als auch ihre Absage. Beides hier. Dieser Blogeintrag bringt innerhalb kürzester Zeit so viele Seitenaufrufe, daß der Server vorrübergehend zusammenbricht; er entwickelt höchst virale Qualitäten. Das wiederum veranlasst Alf Frommer, selbst 13 Jahre in der Werbung und zuletzt als Creative Director tätig gewesen, unter seiner Internetidentität «synthie_und_roma» auf jetzt.sueddeutsche.de ein fiktives Antwortschreiben der Werbeagentur Jung von Matt zu veröffentlichen. Auch diese Aktion ist ein voller Erfolg und wird ungeprüft sogar von Nachrichtendiensten wie beispielsweise kress.de offiziell übernommen, wie BildBlog in seinem unterhaltsamen Beitrag «Und Du gehst Rüssel an Schwanz hinterher» berichtet.

War das etwa schon alles? Nein, die BILD veröffentlicht nun ihrerseits und ungenehmigt im Rahmen einer bezahlten Anzeige in der taz die ausführliche Absage von Judith Holofernes und bedankt sich bei ihr artig für die «ehrliche und unentgeltliche Meinung.» Judith Holofernes wundert es in einem taz-Interview, daß sich das Blatt auf diese Anzeige eingelassen habe und antwortet auf die Frage, ob sie nun ihrerseits die BILD verklagen wolle, nachhaltig entspannt: «Es ist ein ziemlich lahmer Versuch (von BILD; Anm. der Red.), ein Rückspiel zu erzwingen, weil man aus der ersten Runde nicht besonders glorios hervorgegangen ist. Aber ich sehe nicht ein, warum ich mich drauf einlassen sollte, wenn ich schon geduscht habe und mit meinen Leuten singend im Bus sitze.» So antworten Sieger.

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Sensibles Thema. Deshalb keine Kommentarmöglichkeit.
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Das Nachtzugerlebnis

14 Dec

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Ich mache ja keinerlei Geheimnis aus meiner Unfähigkeit, einen sauber geführten Terminkalender zu unterhalten. Nein, ich empfinde es nicht mal ansatzweise als Schmach; ganz im Gegenteil: Insgeheim bin ich sogar etwas stolz auf besagtes Unvermögen. Außerdem stellte bereits Friedrich Dürrenmatt so schön und treffend fest: »Je genauer man plant, desto härter trifft einen das Schicksal«. Ihm zu huldigen, das sei mir stets ein übergeordnetes Anliegen.

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Auf einer geschäftlichen Reise nach München blieb ich mit meiner Pick-Up-Ente kurz vor München durch Getriebeschaden liegen, das heißt, ich schaffte es gerade so zur Rampe der Autonachtreisezugverladestation (übrigens ein Wort mit 31Buchstaben). Dort blieb das gute Stück bis zum Rückreiseantritt geparkt. Als es dann soweit war, begegnete mir auf dem Bahnsteig Richtung Köln – denn dort wollte mich der Erbauer meines herrlichen Vehikels am nächsten Tag mit seinem Hänger in Empfang nehmen – ein torkelnder Finsterling Marke besoffener Prolet entgegen, der sich, ich verfolgte neugierig die Stilistik seines Ganges, zu meinem großen Erstaunen und Entsetzen die kleine Leiter des Führerhauses ausgerechnet jener Lok hochhangelte, die meinen Zug durch die Nacht ziehen sollte. So bat ich einen Bahnmitarbeiter um eine spontane Unterredung, die mit jenem Satz endete, der mir einen bis dato unerreichten Einblick in das überaus entspannte Betriebsklima bei der DB gewährte, nämlich: »Ich kann mir nicht vorstellen, daß irgend jemand bei uns trinkt, jetzt so kurz nach Eschede!«

Der Nachtzug setzte sich in Bewegung und ich verständigte über Mobilfunk die Polizei. Irgendwo, so Höhe Ingolstadt, wurde der Zug außerplanmäßig gestoppt und zwei hilfsbereite Polizisten, Zivildienstleistenden gleichend, schleiften den Lokführer auf ihren Schultern gestützt zum bereitstehenden Krankenwagen. Eine viertel Stunde später notierten die Herren von der Polizei meine Personalien und eine Kurzaussage. Nach schätzungsweise einer weiteren Stunde kam dann ein neuer Lokführer des Weges. Beim Schlafwagenschaffner stieg ich im Ansehen, so daß er mich in ein Ersterklasseeinzelzimmerschlafwagenabteil (übrigens ein Wort mit 41 Buchstaben) umquartierte. Schön mit Holzvertäfelung und gebügeltem Leinenbettbezug und so. Das volle Gedeck!

Am nächsten Morgen erreichten wir mit entsprechend ordentlicher Verspätung eine Seitengleisanlage des Kölner Hauptbahnhofs. Einige Anschlußzüge waren schon weg oder wichtige Verabredungen verpaßt. Die Mitreisenden unterzogen mich einer kollektiven Ächtung, so als wollten sie sagen: »Danke, Du Idiot! Wegen Dir ist meine gesamte Tagesplanung obsolet geworden«. Die meisten von ihnen hätten obsolet ohnehin für den Markennamen einer nicht sonderlich raffiniert zubereiteten Obstsalatspeise gehalten. Nicht, daß diese abgehalfterten Existenzgeschädigten mir hätte schlabbernd um den Hals fallen müssen, denn es war nichts als purer Egosimus, der mein Handeln steuerte, aber ein paar zufriedene Gesichter hätte ich dann doch schon gerne gesehen.

Da ich mal wieder in meiner Geldnotphase steckte, sprang ich über meinen Schatten und setzte mich mit dem damaligen BILD-Chef in Verbindung und fabulierte so kryptisch wie möglich über den Vorfall. »Mein Honorar ist zweihundert!«,sprach ich selbstbewußt und er erwiderte »Kein Problem, zweihundert Mark sind für uns absolut kein Problem«. »Ich dachte mehr an Zweihunderttausend Mark« korrigierte ich ihn – ich hatte ja nicht die geringste Ahnung, was eine solche Geschichte wert sein könnte, worauf er antwortete: »Das ist viel zu viel. Kein Mensch bezahlt Ihnen so viel Geld!«

Aus meiner Sicht machte er mir einen hinreichend verlegenen Eindruck! Wir verblieben so, daß wir es uns beide überlegen würden. Ich spielte auf Zeit. Eigenartigerweise hörte ich nichts mehr aus Hamburg und am nächsten Tag war meine Geschichte im Überbruch auf Seite 1. Ein anderer Fahrgast hatte sich zwischenzeitlich ebenfalls bei der BILD-Zeitung gemeldet und alles suppenbrühwürfelwarm erzählt. Ich fühlte mich wie ein Verteidiger, der ganz allein und mit hängender Zunge den Ball über das Spielfeld gebracht hatte, doch letztlich von einem Mitspieler aus der eigenen Mannschaft im gegnerischen Strafraum mutwillig zu Fall gebracht wurde. Und das Schlimmste: Nur 0,8 Promille hatte der Lokführer laut Schlagzeile angeblich im Blut. Dieses mickrige Ergebnis empfand ich als die wahre Niederlage.

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»Möchten Sie Tee oder Kaffee zum Frühstück?« »Beides. Und beides bitte doppelt!« gab ich zur Antwort. »Croissants brauche ich keine, die hole ich mir gleich auf der Rue St. André Des Arts« fügte ich ergänzend hinzu. »Na dann viel Vergnügen«, sagte der Schlafwagenschaffner und händigte mir wieder meinen Reisepaß aus. Hatte ich das etwa alles nur geträumt?

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Vor drei Jahren veröffentlichten wir oben stehende Kurzerzählung leicht modifiziert als Podcast, gehostet von einfallsreich.tv. Nun unterliegen die Macher von einfallsreich.tv den gleichen genetischen Veränderungen wie wir es tun, was heißt, das alles im Fluß ist, manches sogar im Fuß, manches wiederum im Kopf; wer will von uns schon so genau sagen können, was am morgigen Tage alles auf dem Acker wächst. Mit anderen Worten: das Podcast gibt es derzeit nicht mehr, der Text jedoch ist geblieben. Ist das nicht eine schöne Bestandsaufnahme?

Ach ja, ein gelegentlicher Besuch von einfallsreich.tv lohnt sich nach wie vor.