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ZKM: «Markus Lüpertz – Kunst, die im Wege steht.»

4 May

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Am besten wir zitieren ohne viel Umschweif gleich Peter Weibel: «Lüpertz greift in seiner Malerei auf radikale Elemente aus der Gründungsphase der Moderne zurück. Er ist also kein Postmoderner. Seine Kritik der Moderne erfolgt aus der Moderne selbst heraus. Seine Wiedereinführung der Figuration und eines erweiterten Repräsentationsprogramms geschah nicht im Zeichen der Postmoderne, das heißt im Zeichen des Zitats, des Pastiches und der Aneignung, des Dekorativen und des Neoismus. Es handelt sich weder um Neoexpressionismus noch um Neofauvismus, sondern um moderne Malerei, die einen Ausweg aus den Antinomien der Moderne sucht.»

Nachdem dieser Punkt nun abschließend geklärt wäre, fragen wir uns, ob der Satz «Seine Kritik der reinen Vernunft erfolgt aus der reinen Vernunft selbst heraus» im hergestellten Bezug zu Markus Lüpertz ebenso seine Gültigkeit hätte, oder möglicherweise mehr das Produkt einer spielerischen Phantasie wäre, die weniger wissen und im Gegenzug dafür mehr spekulieren möchte. Wird es uns gelingen, mit solch seltsamen Gedankenspielchen um die notwendige Wissenserweiterung herumzukommen? Natürlich nicht: «Die im ZKM präsentierte Schau schlägt einen Bogen zu den Anfängen von Lüpertz’ künstlerischer Laufbahn: ‹Kunst, die im Wege steht› hieß 1966 eine seiner ersten Präsentationen, die in Berlin stattfand. Das ZKM zeigt einen Blick auf das Lebenswerk aus fünf Jahrzehnten eines der bedeutendsten deutschen Künstler der Nachkriegsgeneration. Lüpertz hat sich von Dekade zu Dekade geistig und faktisch immer wieder neu aufgestellt, sprich: weiterentwickelt. Mit seinem unverkennbaren Pinselstrich und der Vehemenz seiner Maltechnik ist Lüpertz längst eine Instanz der Kunstgeschichte.»

Yes, Sir! Und ein ordentlicher Öffentlichkeitsschreck dazu: Salzburg konnte sich mit seiner weißgepuderten Mozart-Bronze bedauerlicherweise nicht anfreunden, weshalb sich das dieser harmonischen Stadtansicht zugehörig fühlende, gesunde Volksempfinden kurzerhand dazu entschloß, «diesen dicken Oberschenkel» (und nicht nur diesen) hinreichend zu teeren und zu federn. Im Vergleich dazu reagierten die Augsburger eher gelassen – wenngleich mit Erfolg – gegen die Aufstellung seiner Aphrodite auf dem Ulrichsplatz mit unschlagbarer FDP-Rhetorik: «Stellen Sie sich vor, Sie müßten in Ihr schönes Wohnzimmer einen völlig unpassenden Tisch stellen.» Wie? Aphrodite als Tisch? Huiuiui, ist das nicht frauenfeindlich? Frau Schwarzer-Brüderle, auch wenn Sie auf Meerschweinchenreport nicht gut zu sprechen sind, könnten Sie sich in dieser Sache mal bitte nützlich machen? Und wenn Sie schon mal dabei sind: Wäre es Ihnen möglich, den Leutchen netterweise zu erklären, daß jeder verdickte maskuline Oberschenkel immer auch ein politischer, quatsch, potentieller männlicher Uterus ist?

Aber das ist es, was José Ortega y Gasset bereits 1931 in Der Aufstand der Massen formulierte: «Das ist es, was ich im Kapitel als Kennzeichen unserer Epoche hinstellte: Nicht, daß der gewöhnliche Mensch glaubt, er sei außergewöhnlich und nicht gewöhnlich, sondern, daß er das Recht auf Gewöhnlichkeit und die Gewöhnlichkeit als Recht proklamiert und durchsetzt.»

Markus Lüpertz detailliert

Eine der Vorgaben in der Ausschreibung zur Gestaltung der Coca-Cola-Flasche verlangte, daß sie auch an jeder einzelnen Glasscherbe zweifelsfrei als solche zu identifizieren sei. Am 18. August 1915 wurde ihr Design in den USA durch die Manufaktur «Root Glass Company» von Alexander Samuelson zum Patent angemeldet. Mit dem Erscheinungsbild von Markus Lüpertz verhält es sich ähnlich: Egal welches Detail man von ihm auch darstellen mag, immer ist er sofort zu erkennen. Das Licht bot sich zudem für ein Portrait im Stile Ralph Gibsons an. Die hier einzusehende Bildstrecke über Markus Lüpertz ist Teil des Bildfundus unseres Redaktionsfotografen Andreas Baier, das er für sein Langzeitportraitprojekt «Corporate Photography Means Executives Look Good» stetig anfüllt. Über sein Projekt hielt er übrigens letztes Jahr einen vielbeachteten Vortrag auf der internationalen Designkonferenz «QVED 2016» in München.

Weil es schon spät ist und wir, ebenso wie Oscar Wilde, «die Bequemlichkeit als eine der größten Errungenschaften der Menschheit» erachten, greifen wir abermals auf das Stilmittel des Zitierens zurück: «Der Fokus der von Walter Smerling und Peter Weibel kuratierten Ausstellung liegt auf Malerei, aber auch auf Skulpturen, Reliefs und Druckstöcken. Die Präsentation in Lichthof 8 umfaßt Werke wie ‹Angst im Walde›, ‹Gegen Abend besetzen Störche Lüpolis› und den 33-teiligen ‹Dädalus-Zyklus› aus der Sammlung von Sylvia und Ulrich Ströher. Für den Lichthof 9 schafft Lüpertz ein eigens konzipiertes Arrangement aus einer mehrteiligen, in Steinguß gefertigten Merkur-Skulptur sowie einer bislang noch nicht ausgestellten, 8 x 14 m großen Vorzeichnung, die für das 1977 ausgeführte Wandgemälde für das Krematorium Ruhleben in Berlin, entstand.»

Lüpertz internationales Renommee wird nicht zuletzt an seiner vergangenen Ausstellung im Musée d’Art Moderne in Paris deutlich. Auch The Phillips Collection in Washington, D.C. präsentiert ab Ende Mai 2017 eine groß angelegte Retrospektive des deutschen Malers.

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